335 auf dem äußersten Flügel der demokratischen Partei stehende Schuhmachermeister Heinrich Gundlach, ein offener Kopf, der von Natur aus mit allen den Eigenschaften ausgerüstet war, die man an einem Volksführer vorauszusetzen pflegt. Er war stattlich von Gestalt und überragte, wie Saul, das Volk um eine Kovfshöhe. Dunkel brannten seine Augen unter der weißen, von dunkelem Lockenhaar umrahmten Stirn und schoflen Blitze im Feuer der Rede. Diese war fließend, überzeugend und zündend bei der Menge, der er durch Wissen und Weltkenntniß Be ­ wunderung abnöthigte. Es war an einem Sonntagnachmittage und ein prächtiges Wetter. In dichten Gruppen stand das Landvolk der Umgegend von Homberg auf dem Marktplatz, des Dinges gewärtig, das ihm die großen, rothen Zettel, welche feit Tagen die Gundlach'schen Sendboten in den Dorffchenken verbreitet, in Aussicht gestellt hatten. Jetzt, wo die letzte Choralstrophe von der nahen Kirche herüberschallte und das Ende des Nachmittag ­ gottesdienstes veMndete, schlürften auch die Homberger rascher ihren Kaffee und eilten groß und klein, reich und arm, Männlein wie Fräu ­ lein herbei und wuchs die Zufchauermenge von Augenblick zu Augenblick. Aller Augen aber waren neugierig nach dem Schilde an dem Hause über der Löwen-Apotheke gerichtet, das eine goldene, strahlende Sonne zeigte. Mit dem ersten der langgezogenen Glockenschläge, welche die drei Uhr vom Rathhause und ihnen nach vom hohen Kirchthurme verkündeten, öffnete sich die Thür des Gasthauses „Zur goldenen Sonne," und ein schwarz behangener Leiterwagen, der von zwei mageren Gäulen gezogen wurde, fuhr vor demselben vor. Das Kopfzeug der Pferde war mit schwarzen Schluppen und langen flatternden Atlasbändem ausgeputzt, ebenso schmückte eine schwarze Quaste die Spitze von dem Peitschenstiele des Fuhrmanns, der in schwarzem Sonntagsrocke neben den Gäulen herfchritt. In dem Augenblicke, als der Wagen vorfuhr, wurden zwei handfeste Bursche in der Wirths ­ hausthürsichtbar, die einen Dritten, deffenAeußeres sonderbar genug gegen die beiden abstach, zu dem Wagen zu geleiten und ihn auf den Brettersitz desselben zu postiren schienen; denn er war von der Zipfelmütze bis zu den Füßen in Weiß ge ­ kleidet, die Troddel der Zipfelmütze nur warschwarz und das Wams über die Brust mit schwarzen Schluppen statt der Knöpfe besetzt, während die Beiden ihre schwarze Sonntatzskleidung trugen. Nicht sobald hatte man den, einen Armensünder travestirenden Strohmann, denn als solcher hatte sich derselbe -entpuppt, auf den Sitz befestigt, als sich ein Mann in einem altfränkrschen Mantel, der talarähnlich zugestutzt war, mit einem Drei ­ spitz auf dem Haupte, unter dem Kinn zwei übergroße Bäffchen, wie sie die protestantischen Geistlichen zu tragen pflegen, und einen langen Hirtenstabe in der Rechten neben ihn schwang. Es war das der Schäfer Mehlberg aus dem nahen Hüttendorfe Holzhausen, der den Spitz ­ namen der „Parr" wegen des Redeflusses führte, den er bei Neujahrsgratulationen und anderen derartigen Gelegenheiten bethätigte. Sofort schien er den Armensünder unter dem endlosen Jubel der Menge in das Gebet zu nehmen. Jndeflen setzte sich der Wagen nach dem Markte hin in Bewegung. Ihm folgten paarweise, wie es bei den dortigen Leichenbegräbnissen Herkommen ist, die Leithämmel der Homberger Opposition: der stattliche Gundlach, der untersetzte Lohgerber ­ meister Jckler und der kleine Putzel-Stern, ein körperlich vernachlässigtes, aber desto giftigeres Männlein, seines Zeichens Held der Nadel und Scheere, denen sich die übrigen Gesinnungstzenoflen anreihten, ohne Unterschied in schwarzen Feiertags ­ kleidern und den sowenig volksthümlichen Angst ­ röhren, die meistentheils fuchsig und eine Muster ­ karte aller erdenklichen Moden mehr denn eines halben Jahrhunderts abgegeben hätten. Langsam bewegte sich der Zug durch die, ein Spalier bildende Menge. Der „Parr" spielte seine Rolle in einer, die Neugierigen belustigenden Weise immer bester. So kam man über die Mitte des Marktplatzes hinaus, da schien der verstockte Sünder dem geistlichen Zuspruch nicht mehr pariren zu wollen, denn zornig erhob sein Begleiter den Krummstab und drohte in nicht mitzzuverstehender Weise. Vergebens! Da — wer will es dem priefierlichen Zorne solcher Ver ­ stocktheit gegenüber verargen? — sauste der Stab durch die Luft, fiel auf den Nacken des Deliquenten hernieder und — schlug dem Stroh ­ mann das Haupt von dem Rumpfe, daß es über die Leitern des Wagens flog und unter deflen Räder rollte. Der „Parr" machte ein verblüfftes Gesicht, und ein donnerndes Hurrah lohnteseinerUngeschicklichkeit. Verlegenheit aber malte sich auf den Angesichtern Gundlach's und seines Stabes; schien der Demonstration damit doch ein klägliches Fiasko bereitet. — Da — im kritischesten Augenblicke — stand mit einem Male ein windiges, geschniegeltes und ge ­ bügeltes Bürschchen, den Armensünderkopf unter dem Arm, auf den Wagen, als hätte ihn der Wind darauf geblasen, schlug mit Leichtigkeit und Fingerfertigkeit, die nur einem Schneider eigen sind, das helle havanabraune Röckchen auseinander, entnahm der Innenseite Nadel und Faden, im Nu saß der Kopf wieder an seiner früheren Stelle und mit einer leichten Verbeugung schwang sich