331 Erwerb waren gemeinsam, keiner der Brüder durfte betteln oder terminiren, oder geistliche Pfründen besitzen, jeder mußte sich von seiner Hände Arbeit nähren, und was einer verdiente, gehörte dem Brüderhause und den Dürftigen. Dadurch wurden aber diese Brüderhäuser nicht blos Sitze eines stillen, ehrbaren und gottseligen Lebens, sondern auch Stätten christlicher Bildung und Wissenschaft, sowie der Unterweisung in mancherlei Gewerben und Handarbeiten. In weiterer Ausdehnung ihrer Wirksamkeit ertheilten die Brüder vom gemeinsamen Leben nicht allein in niederen Schulen mit frommem Sinn und bei reinem Lebenswandel der Jugend Unterricht im Lesen, Schreiben, Rechnen, der Religion u. s. w., sondern bildeten auch in höheren Schulen, be ­ geistert für griechische und römische Literatur, die Fähigen durch Wissenschaften und Sprachen, namentlich durch das Studium der alten Klassiker zu ausgezeichneten Männern aus.*) Landgraf Ludwig gewährte den aus Münster berufenen Kogelherren die Mittel zur Niederlassung in Kassel und übergab ihnen 1454 die eingezogene Besitzung des im Jahre 1391 wegen Aufruhrs und Hochverraths Hingerichteten Bürgers Kunz Seheweis, den s. g. Weißen Hof. In der „Con- geries etlicher hessischer Geschichten", Kuchen ­ becker, Analecta Hassiaca, Coli. 1 pag. 18, heißt es: „1454 Hat Landgraf Ludewig die behausung zu Cassel, so Cunz Seheweis des Hingerich ­ teten Bürgers gewesen, denen Kugelherru gegeben, die haben ein Closter daraus ge ­ macht und ist der Weissehoff." Die Kogelherren entfalteten eine stille, der Bil ­ dung für Frömmigkeit und Gottseligkeit gewid ­ mete Thätigkeit und daß diese hinsichtlich ihres bewährten Unterrichts sehr erfolgreich gewesen sein muß, dafür spricht allein schon die That ­ sache, daß zu Anfang des folgenden Jahrhunderts vier Kasseler Bürgerssöhne zu gleicher Zeit an vier verschiedenen Fürstenhöfen das Amt eines Kanzlers bekleideten. — Im Jahre 1429 unternahm Landgraf Ludwig eine Pilgerfahrt nach dem heiligen Lande und 1450 wohnte er zu Rom der Feier des vom Papste Nicolaus V. angeordneten großen Jubeljahres bei. Vom Grabe des Erlösers brachte er einen Splitter des heiligen Kreuzes mit, der in einem silbernen Schreine der Ver ­ ehrung der Gläubigen in der Kirche zu St. Martin ausgestellt wurde. Und in Rom wurde ihm vom Papste am Rosensonntage 1450 (15. März) die *) S. Röth, Geschichte von Hessen, neue Ausgabe, be ­ arbeitet von C. von Stamford, S. 130; Weber, Geschichte der städtischen Gelehrtenschule zu Kassel, S. 8; vergl. außerdem Kuchenbecker, Analecta Hassiaca, Coli. VII. 1. goldene Rose und der Ehrentitel »krwoeps pack“ „Fürst des Friedens" verliehen. Ueber Ludwig's Pilgerfahrt nach Jerusalem, wie über dessen Wallfahrt nach Rom ist in dem trefflichen Artikel des Herrn Majors C. v. Stamford „die Pilger ­ fahrten des Landgrafen Ludwig I. und Wil ­ helm I. von Hessen nach dem heiligen Grabe", S. „Hessenland Nr. 12 vom 15. Juni", ausführ ­ licher berichtet und brauchen wir hier blos auf jenen Artikel zu verweisen. Besondere Vorliebe hegte Landgraf Ludwig für die Baukunst. Unter seiner Regierung entstanden die Burgen zu Ludwigsau, zu Ludwigseck und Ludwigsstein; letztere zur Sicherung des Werra ­ thals gegen die fehdelustigen Ritter des Eichs- seldes, namentlich gegen die von Hanstein er ­ richtet, wurde unter dem Schutze eines Heer ­ haufens in so kurzer Zeit aufgebaut, daß man der Sage nach an Zauberei glaubte. Während in Kassel die Errichtung der Wage (1404) und des Rathhauses (1408) noch in die Regierungs ­ zeit des Landgrafen Hermann des Gelehrten fällt, erbaute Landgraf Ludwig u. a. das Kauf ­ haus auf der Freiheit (neben der Martinskirche), gleich dem Rathhause mit einem stark besuchten Weinkeller verbunden, ferner das Hochzeitshaus, der neue Bau genannt, an der Fulda, da, wo jetzt der Stadtbau steht. Gesteigerte Privat- Bauthätigkeit ist immer ein Zeichen des sich meh ­ renden Wohlstandes und auch diese nahm unter des Landgrafen Ludwig's Regierung von Jahr zu Jahr zu. Die Bauten aus jener Zeit find verschwunden, zumeist sind sie durch Menschen ­ hände zerstört worden, um anderen Anlagen Platz zu machen, nur ein Baudenkmal aus jenen Tagen ist noch vorhanden — der Druselthurm, erbaut 1415, der jetzt so fremdartig auf seine Umgebung herniederblickt. Im Jahre 1440 ereignete es sich, daß das schlecht gemauerte Gewölbe der vom Landgrafen Heinrich dem Eisernen um 1330 begonnenen, durch die Ungunst der Zeit aber erst um 1357 zu einem gewissen Abschlüsse gelangten St. Martinskirche, des hohen Domes unseres Hessen- landes, einstürzte, wodurch viele Menschen ge- tödtet und verwundet wurden. Die Wieder ­ herstellung der Kirche war kostspielig. Es wurden deshalb im ganzen Lande Gaben ge ­ sammelt und mit diesem Geschäfte der Kanonikus Matthias Theyß beauftragt, dem sich der vom Judenthum zum Christenthum übergetretene ehe ­ malige Rabbi Leonhard von Schweinfurt anschloß. Dieser war nach seinem Uebertritte vom Papste Martin V. und der Kirchenversammlung zu Basel mit Ertheilung von Ablaßbriefen betraut worden, kam auf seinen Reisen auch nach Hessen und erwarb sich wegen seiner ärztlichen Kennt-