318 ländischen Thor und der Mensing'sche vor dem Weserthor waren solche Vergnügungslokale, welche vorzugsweise von den bürgerlichen Familien be ­ sucht wurden, während der Henkel'sche Garten vor dem Königsthor und die Restauration in der Karlsaue der Sammelplatz der vornehmen Welt waren. Von allen diesen ist nur die letztere, aber in sehr veränderter Gestalt, noch jetzt vorhanden. Unter den mächtigen, nun auch schon seit einigen Jahren der Zeit zum Opfer gefallenen, Tannen ­ bäumen wurde der meistens von den Familien mitgebrachte und in der Restauration gekochte Kaffee oder Thee getrunken. An Stelle des jetzt wenig Beifall findenden Restaurationsgebäudes stand ein einfaches, aber geschmackvolles Haus und der Raum zwischen diesem und den Tannen enthielt schöne mit Blumenanlagen verzierte Rasenplätze. Bier wurde in der Restauration nicht verschenkt und hatte die ganze Anlage noch ein vornehmeres und bester mit der Umgebung stimmendes Gepräge als es jetzt der Fall ist. Es war dies damals auch noch das einzige öffentliche Vergnügungslokal, in welchem musika ­ lische Genüffe geboten wurden. Vom 1. Pfingst- tage an concertirten hier an einem dafür be ­ stimmten Wochentage abwechselnd auf Allerhöchsten Befehl, ohne Eintrittsgeld nehmen zu dürfen, die vortrefflichen Musikkorps der Kasseler Gar ­ nison. An anderen Orten durften diese nicht spielen und andere dazu geeignete Musikkorps gab es vor Errichtung der Bürgergarde im Jahre 1830 nicht. Am 1. Pfingsttage herrschte hier auch damals schon ein sehr reges Leben durch die zahlreich zu dem Pfingstfest hierherkommenden Fremden, unter denen sich namentlich eine große Anzahl Göttinger Studenten bemerklich machten. An sonstigen Tagen, namentlich an den Wochen ­ tagen war der Besuch ein geringer, da es in den nicht zur baut« volee gehörigen Kreisen noch nicht üblich war, außer Sonntags öffentliche Vergnüg ­ ungsorte zu besuchen. Für uns Kinder war es gerade kein großes Vergnügen, dort oder im Henkelschen Garten im Sonntagsstaat ruhig sitzen zu müssen, wir und alle Kinder, die in gleicher Lage waren, zogen es vor, im eigenen Garten die Freiheit zu genießen. Wir trösteten uns damit, daß das Vergnügen ein frühes Ende nahm, da es noch nicht Sitte war, Kinder bis spät in die Nacht in öffentliche Lokale mitzu ­ nehmen. Auch der Besuch von Wilhelmshöhe fand selbst an den Sonntagen in den meisten Familien nur selten statt und in der Regel nur, wenn Besuch von auswärtigen Freunden oder Verwandten dazu Veranlassung gab. Der Besuch von Wilhelmshöhe war außer anr 2. Pfingst- und Himmelfahrtstag namentlich seit dem im Jahre 1823 an den Kurfürsten gelangten Drohbrief ein sehr beschränkter geworden, da Ein ­ heimische und Fremde sich nicht gern den in Folge davon zur Sicherheit des Kurfürsten angeordneten sehr strengen militairischen und polizeilichen Maß ­ regeln unterwerfen mochten. Der Kurfürst welcher durchAnlegung des neuenWasserfalls,Verschönerung der Anlagen, Erbauung des neuen Gasthauses und Wachtgebäudes so viel zur Verschönerung der Wilhelmshöhe beigetragen hat, fühlte sich durch diesen geringen Besuch sehr unangenehm berührt und glaubte den Grund in der allerdings sehr mangelhaften Fahrgelegenheit zu finden. Er erließ deshalb im Jahre 1827 den Befehl an die Polizei, dafür zu sorgen, daß an dem Wil ­ helmshöher Thore an Sonn- und Festtagen Wagen zur Beförderung gegen einen billigen Fahrpreis bereit ständen. Mehrere Jahre hin ­ durch war dies denn auch der Fall und dort ein Sitz im Wagen zum Hinauffahren für 5 Sgr. zu haben. Bei einem Vergleiche der damals den Familien ebotenen Gelegenheit zu Vergnügungen außer em Hause mit der der jetzigen Zeit tritt nun weiter ein gar gewaltiger Unterschied hervor, wenn wir noch einen Blick auf die damals zu geselligen Zwecken bestimmt gewesenen Vereine werfen. Während es deren jetzt mehrere hundert geben soll, waren es damals eigentlich nur drei, welche solche Zwecke mit Einschluß ihrer Damen verfolgten. Es waren dies der Abendverein, das Civilkasino und die Euterpe, von denen sich nur die letztere noch erhalten hat. Außerdem bestand noch das ausschließlich für Männer bestimmte Militairkasino. Die Gesell ­ schaft Lese-Museum ist erst im Jahre 1831 ge ­ gründet worden. Die Physiognomie der Stadt, wie sie sich unter den hier geschilderten Verhältniffen durch das in ihr herrschende Leben und Treiben zu erkennen gab, mußte abgesehen von allen anderen später für dieselbe so bedeutsam gewordenen Veränderungen ein von der jetzigen sehr ver ­ schiedenes Gepräge tragen. Unser schönes Kassel hat zu verschiedenen Zeiten, namentlich unter der Regierung des letzten Kurfürsten, das Schicksal gehabt, daß die öffentlichen und socialen Zustände in derselben von Correspondenten auswärtiger Blätter in sehr ge ­ hässiger Weise geschildert und insbesondere von den Witzblättern zum Gegenstand ihres Spottes gemacht wurden, ein Umstand, dessen nachtheilige Folgen sich trotz aller so anerkennenswerthen Be ­ strebungen zur Beseitigung früherer Vorurtheile zuweilen auch jetzt noch bemerklich machen. Auch unserem berühmten Landsmanne Franz Dingelstedt kann der Vorwurf nicht erspart bleiben, daß er im Jahre 1836 in der von An-