315 hinsterben konnten. „Zu verwaren manichfeltig- lich seümnis vnnd Gebrechlichkeit GottesDinstes, mancherley vngeburligkeit, Kost vnnd schaden, die vnnsern Burgern vnnd Jnwonern, von Labunge an geystlich gerichte vnnd Banne gescheen sein vnnd teglich gescheen vnnd furter vfferstehen wuchten, wie solchs zum besten nicht vorkummen wurde, Sein wir (Landgraf Ludwig) mit Bürgermeister vnnd Rath zu Cassel eintrechtiglich vnnd einmut ­ tiglich zu Rathe worden vnnd überkommen, Das auch vnnsern Burgern vnnd Jnwonern wol be- quemlich ist. eine vffrichtige Ordnunge zu machen, darmit Gottesdinste mag gemehrt, wir, vnnser Bürger vnnd Jnwoner In eynigkeit vnnd Fridde zesatzt werden vnnd darin pleiben mügen, vnnd al auch solche Ordenunge nu angehen vnnd urter pleiben wheren vnnd gehalten werden, bey ,enen vnnd buffen daruff gesatzt sein" — so «ginnen diese Statuten, welche ihrer Wichtigkeit wegen dem versammelten Volke unter dem Ge ­ läute der Glocken „vor dem Wein-Keller vff der trappen" verkündet wurden. (S. K. PH. Kopp's ältere und neuere Verfassung der geistlichen und Civilgerichte in den fürstlich hessen-kasselschen Landen, Kassel 1769. Bd.I, Beil. 13, S.29 sqq.) Kein Laie, so gebot Landgraf Ludwig unter Androhung schwerer Geldstrafe, soll einen andern vor ein geistliches Gericht laden und keiner seine eigene Sache einem solchen Gerichte übergeben. Kein Kleriker soll einen Laien in weltlichen Sachen vor ein geistliches Gericht ziehen, die Geistlichen sollen selbst ihre weltlichen Sachen nur bei einem weltlichen Gerichte aburtheilen lasten. Dagegen war Landgraf Ludwig auch darauf bedacht, den geistlichen Stand in seinen Rechten zu schützen: wenn ein Bürger oder Ein ­ wohner von Kassel „zu Banne" kommt, so soll er von Stund an die Stadt räumen und mcht ohne erlangte Absolution zurückkehren. Damit aber die Geistlichkeit nicht zu weit greife, so sollen zuvor Schultheiß und Rath erkennen, daß der Gebannte mit Fug und Recht im Banne sei. Sehen sie aber, daß dem Gebannten Unrecht geschehen ist, so sollen sie den Verfolgten in Schutz nehmen und ihm zu seinem Recht beständig sein. Auch befiehlt Ludwig, daß Niemand Lade ­ oder Bannbriefe nach Kastei bringe, er übergebe sie denn dem Pfarrer auf dem Predigtstuhle (vor versammelter Gemeinde) und nirgends an ­ ders. Auch die Fremden schützte Ludwig in ihrem Rechte. Er verordnete, daß ihnen in Prozeßsachen eine schnelle Entscheidung zu Theil werde. Im „Gastgericht" soll die Klage eines Fremden über erbliche Güter innerhalb dreimal vierzehn Tagen, die Klage über Schuld innerhalb drei Tagen entschieden sein. Am 14. April 1455 erließ sodann Landgraf Ludwig eine Gerichts- und Polizeiordnung *), welche u. a. Verbote enthielten gegen das Würfel ­ spiel um Geld und Geldeswerth, gegen das Ausgehen bei Nachtzeit ohne „Wisch" (brennenden Strohwisch) oder „Lüchte" (Laterne), nachdem die Glocke geläutet hatte (Abends 8 oder 9 Uhr), um „Mord und Todschlag" zu verhindern, denn damals saß bei den Bürgern die Waffe lose in der Scherbe. Streng waren die auf diese Ver ­ gehen gesetzten Strafen. So war das Würfel ­ spiel nicht, allein bei Geldstrafe, sondern auch bei vierwöchiger Verbannung aus der Stadt ver ­ boten ; ohne Laterne bei Nachtzeit zu gehen, oder über die „Weinglocke" hinaus im Wirthshause Gäste zu halten, oder als Gast zu sitzen, kostete drei Pfund Heller (60 Schillinge), wer aber des Abends ohne Licht „in unziemlichen Sachen mit Werfen oder Rufen die Leute zu erferen (er ­ schrecken) und zu necken, den Leuten ihre Fenster, Thore und Feste zu schlagen oder Wagen umzu ­ werfen funden wird", der soll nicht allein die höchste Geldstrafe zahlen, sondern auch vier Wochen aus der Stadt gewiesen, und, kehrt er innerhalb dieses Termins zurück, vier Wochen in Hast gesetzt werden. — In unserm vorigen Artikel haben wir bereits erwähnt, daß gleich nach Ludwig's Thronbesteigung den hessischen Städten ihre alten Freiheiten be ­ stätigt wurden. Unter den Räthen des jungen Landgrafen befand sich auch, wie gemeldet, der Erbmarschall von Röhrenfurt. Zwischen der Tochter desselben und dem Junker von Riedesel entspann sich der Sage nach ein Liebesverhältniß, welches des poetischen Reizes nicht entbehrt und von Romanschriftstellern mehrfach benutzt worden ist. Auch F. I. von Günderode in seiner Schrift: „Ludwig der Friedsame" (Frankfurt a. M. 1784) und K. W. Justi in seinen „Hessischen Denk ­ würdigkeiten" (Bd. IV, Marburg 1805) gedenken dieser Sage. Möge es uns gestattet sein, dieselbe hier als Episode einzuschalten. Junker Hermann von Riedesel lebte am Hofe des Landgrafen Ludwig. Hervorragend durch geistige wie durch körperliche Vorzüge, unerschrocken im Streite, ein erfahrener Kriegsmann, nicht minder weise im Rath, bescheiden und angenehm in seinen Manieren, ersteute er sich der Gunst, ja der Freundschaft seines Fürsten. Krieger und junge Mädchen blickten ihn gleich gefällig an, jene fürchteten ihn als Gegner und fochten gern mit und unter ihm, diese wetteiferten um die Ehre, ihn zum Ritter zu haben. Zu den schönsten Damen Kastel's, zu den Zierden ihres Geschlechtes, zählte Margaretha, die einzige Tochter des Erbmarschalls von Röhrenfurt. *) S. Sammlung sürstl. hessischer Landesordnungen, 1. Theil S. 10 flg.