302 genießbarer Mensch zu werden, denn mein ewiges Kranksein hat mich nicht gerade liebenswürdiger gemacht. Doch leben Sie nun recht wohl, lieber Herr Medicinalrath, und empfehlen Sie mich Ihrer Frau Gemahlin angelegentlichst. Freundlichst und ergebenst Sophie Gilsa. Nauheim, im September 1842. Ewiges Kranksein! Ja das war es, was ihr Leben trübte und stets ihrer regen Schaffenslust so hemmend im Wege stand. Seltsamer Weise waren die Meisten geneigt, ihr Leiden für Ein ­ bildung zu nehmen, bis sie demselben am 9. Sep ­ tember des Jahres 1858 erlag, im Alter von einundfünfzig Jahren. Auf dem Friedhof zu Fulda liegt sie unter ihren Standesgenossinnen begraben. Nicht ganz drei Jahre später folgte ihr die Aebtissin Karo ­ line von Gilsa nach und wurde ihr zur Seite beigesetzt. Ein Gitter umfriedigt Beider Grab ­ stätten, und der Frieden des Todes hat die Schwestern versöhnt und vereinigt, die Beide so edle und hochgesinnte Naturen waren und doch im Leben sich niemals recht verstanden haben. Ernste, hohe Tannen rauschen darüber, und an Sophiens Grabstein liest man die göttliche Ver ­ heißung, die ihr die ewige Krone gesichert: „Selig sind die Barmherzigen, denn sie werden Barmherzigkeit erlangen." Wohl verkündet auch eine Lyra an dem ein ­ fachen Grabmale, daß hier ein Dichterherz ge ­ bettet liegt, aber fast Alle gehen achtlos daran vorüber. Wer kümmert sich auch in unsrer so hastig vorwärts stürmenden Zeit um die Klänge eines längst verhallten Saitenspieles? Für solche bescheidenen Talente hat die Nachwelt keine Lor ­ beeren, und die Kränze, welche einst von nun kalten Händen Sophie von Gilsa dargereicht wurden, sind längst verwelkt. Doch gleichviel: sie hat treu für das Gute und Schöne gekämpft und damit ihre Bestimmung erfüllt. Am Sarge fällt die Blüthe ab, Zerrinnt der Glorie Zauberschemen, Das Lorbeerreis, es bleibt am Grab, Du kannst es nicht hinüber nehmen; Doch vor dem Richter kannst du knien, Die reinen Hände hoch gefaltet: „Sieh, Herr, die Pfunde, mir verliehn, Ich habe redlich sie verwaltet.* Und mit diesen schönen Worten, welche einst Annette von Droste einer anderen gleichfalls hessischen Dichterin nachgerufen, wollen wir dieses Gedenkblatt beschließen, um es als ein frisches Liebeszeichen verehrungsvoll auf das Grab der Dichterin Sophie von Gilsa niederzulegen. Möge ihr Andenken im Hessenlande in Ehren bleiben! Mochmals von öm Kchähm des allen Durfürsten In dem Aufsatz ,Bon den Schätzen des allen Kurfürsten* in Nr. 9. dieser Zeitschrift, S. 112 oben, wird meinem Großvater, dem Kriegsrath Knatz, große Leichtgläubigkeit schuld gegeben. Die Stelle kann nicht wohl anders aufgefaßt werden, als daß die Leichtgläubigkeit der kurfürstlichen Kommissare auf das Zustandekommen des für den Kurfürsten un ­ günstigen Vergleichsabschlusses eingewirkt habe und daß dies umsomehr zu bedauern sei, als an demselben Tage (7. August 1812) die Schlacht bei Borodino geschlagen wurde, mit welcher sich bekanntlich das Kriegsglück Napoleons wendete, daß also, mit andern Worten, der Verlust nicht eingetreten wäre, wenn man nur noch kurze Zeit gewartet hätte. Der unbefangene Leser der Stelle wird es wohl nun zunächst unwahrscheinlich finden, daß zwei ge- schäftsgewandte Finanzbeamte der Behauptung des Agenten, die Schuld fti an Napoleon bezahlt, ohne weiteres Glauben geschenkt haben sollten, während es nahe lag, die Vorzeigung der über die Zahlung sicher vorhandenen Quittungen zu verlangen. Noch viel unwahr ­ scheinlicher wäre es, wenn der, wie geschichtsbekannt und auch nach der eigenen Darstellung des Herrn Verfassers in Nr. 9, mißtrauische und in Geldgeschäften vorsichtige Kurfürst dem deßhalbigen Berichte seiner Räthe ohne Weiteres Glauben geschenkt hätte. Ganz unbegreiflich aber wäre es schließlich, daß der Kurfürst auch, nachdem er die Leichtgläubigkeit seiner Räthe nach 1815 entdeckt hatte und ihnen also den Geldverlust schuld geben konnte, sie dennoch nicht nur in ihren Ämtern und Würden belassen, sondern ihnen weitere Beweise seines Vertrauens gegeben hätte, wie dies wenigstens bei meinem Großvater bis zum Tode des Kurfürsten und ausweislich seines Testaments in der That der Fall gewesen ist. Abgesehen hiervon ist es aber auch den damaligen Zeitumständen ganz unangemessen, daß Baden bereits 1812 mit der Behauptung aufgetreten sein sollte, das Geld sei an Napoleon bezahlt. Napoleon be ­ herrschte Europa. Daß er diese Herrschaft in ah-