292 Mel« M«fe«r»K. Epistel an einen Freund. Nun höre, Freund! Ich will Dir nicht Die Antwort schuldig bleiben, Mein Musenroß, so wie es leibt Und lebet, zu beschreiben. Du denkst vielleicht, daß Eitelkeit Nun meine Feder schärfe. Und ich von einem Vollblut Dir Ein schmuckes Bild entwerfe. O nein! Lichtbrauner Art ist es, Wie auf den Angerrasen Der Heffendörfer, längs der Schwalm, Einheim'sche Stuten grasen. Nicht Schul- und nicht Paradepferd Kömmt es einher geschritten. Und ist nicht in der Hochdressur Nach Regeln zugeritten, Nicht ist's ein Renner, der windschnell In der Arena sieget; Nach güld'nem Ziele, wie der Pfeil Zum Ziel vom Bogen flieget, Und doch kann schnellster Renner Flug Sich nicht mit seinem messen, Hab' ich — sein Reiter — erst einmal Im Sättel ihm gesessen. — Wir wurden mit einander groß. — Ich habe es verstohlen — Ein Knabe noch — getummelt schon Als jung muthwill'ges Fohlen; Als Jüngling aber konnt' ich's nicht Verwinden und vermeiden, Vor Liebchens Haus am lichten Tag Es im Galopp zu reiten. — Die Striegel und Kartätsche spart' Ich nicht, sein Fell zu glätten, Zur reinen Streu nicht frisches Stroh, Das Müde weich zu betten; Ritt es noch öftrer in die Fluth Der Edder, es zu schwemmen; Pflegt' ihm allmorgentlich den Schweif Sammt Mähn' und Schopf zu kämmen. — Wir sattelten nur, eh der Tag Glüh in dem Osten lohte; Wann in dem West die Sonne sank Im Purpurabendrothe. Dann aber galt's auch hohen Muths Die Heimath zu durchreiten Thalein und aus- bergan und ab, Nach Längen und nach Breiten. Das war vom Maine bis zur Lahn Ein Lenken und ein Schwenken; Da mußte oft der Fuldafluß Mein durstig Rößlein tränken. Da ließ ich's weiden bald im Gras Hoch auf des Wiesners Alme, Bald in dem grünen Prachtgeländ Der Edder und der Schwalme. In manchem stillen Hessenforst, D'rin glattweiß stämm'ge Birken Waldwieschen, vom- und blumenreich, Mit Hängegrün umzirken, Ausruhten und genossen wir Im Schatten duft'ger Büsche Verschwiegene Waldeinsamkeit In echter Sommerfrische. Du glaubst kaum, Freund, wie so bekannt Dem Thier seit vielen Jahren Die Straßen all', die Schenken d'ran Und — meine Schwächen waren. Wo ein bemaltes Wirthshausschild, — Ein Kranz von grünen Tannen: Da hielt's von selbst im Gange an Und wollte nicht von dannen. — Und wo ein schmuckes Dirnchen gar Den Trank der Liebe schenkte: Zum Thorweg wie zur Einkehr es Die schlanken Glieder lenkte; Dann kündete's wohl jederzeit Mit schmettemd glockenhellen Und sreud'gen Wiehem alsogleich Den fahrenden Gesellen. — Wohl war mein Roß in Stadt und Dorf Und wo wir sonst geritten Im Heimathland — vom Volke gern Gesehen und gelitten. Und mußten wir auf unsrer Fahrt Auf lauter Köter treffen, Dann zog mein Rößlein stolz vorbei Und ließ die Köter kläffen. — Ach! träfe, Freundchen, das Genoß Je irdisches Verderben, Wär's wohl mein größter Seelenschmerz, Wär's wohl mein zeitlich Sterben! — Denn nur mit ihm und es mit mir Heißt für uns Beide: leben; Ein Andres kann's nicht in der That Für Roß und Reiter geben! — «Ludwig Mohr.