290 Bänke und Stühle. An den Wänden hängen goldbeflitterte Bilder aus der heiligen Geschichte, einige eingerahmte Todtenkränze mit Inschriften vom Melsunger Stadtdichter, und ein kleines, rothes Nadelkissen in Herzform, welches daran erinnert, daß ihr seliger Mann ein Schneider war. Auf dem Fenstersims liegt die alte messing- beschlagene Bibel, deren erstes Blatt eine Art Familienchronik enthält und daneben grünt lustig das Myrtenstöckchen der Kathrinlies. Kathrinlies ist kein Dorfkind, fein, schlank und Biegsam ist die Gestalt und das Gesicht mit den schwarzen Augen hat etwas Schnelles, Keckes — Gewandtes. Die Großmutter tz.flegt zu sagen: „Das Mägen hot ewas in den Ögen, dos emme nit läßt." Aber was dieses „ewas" war, hätte sie wohl schwer zu sagen gewußt, denn brav und steißig war die Kathrinlies und konnte ihr keiner Uebeles nachreden. Ihr Vater war Nachtwächter gewesen im benachbarten Melsungen. Aber Vater und Mutter waren früh gestorben, bei der Großmutter war das Mädchen groß geworden und kurz nach der Comfirmation suchte sie einen Dienst in Kassel. Beim Abschied hatte die Großmutter gesagt: Bleib ein rechtschaffen Mensche, Kathrinlies und trau keinem Mannsbild über die Hecke. Tritt den Pfad nach der Schnüre, Kathrinlies. Jedes Jahr zur Kirmeß ist die Kathrinlies heimgekommen zum Tanz unter der Linde und droben im Gast ­ hofsaal und jedes Mal hat sie stattlicher und schöner ausgeschaut und den strammen, hessischen Burschen besser gefallen. Für ein tüchtig Bauernweib aber, das schwere „Kotzen" trägt, war sie verdorben. Eigentlich auch hatte sie einen Schatz, einen Burschen aus der Stadt, den Nachbarssohn — der „krumme Hans" genannt, weil seine Beine nicht ganz im Gleichen waren. Aber alle hatten Respect vor ihm, denn er war ein wilder Gesell und konnte das Wort und die Fäuste führen. Nur bei der Kathrinlies gab er klein bei und war zahm wie ein gefangener Falke. Mit dem Hannes hatte sie als Kind täglich gespielt und die Liebe zu ihr war in sein Herz hinein gewachsen und hatte leise und heimlich die tiefen Wurzeln geschlagen, die nicht auszurotten sind. Aber es kam eine Zeit, da ward die Kathrinlies, wenn sie heimkam, fremd und vornehm zum Hannes, das fraß ihm am Herzen und eines Tages zog er den Sonntagsrock an und fuhr nach Kassel und suchte die Kathrinlies aus, die in einem prächtigen Hause, das in der Bellevne in Kassel steht, Stubenmädchen war. Gar schmuck und niedlich sah sie aus im weißen Schürzchen und coquetten Häubchen, der Hannes stand sehr ver ­ legen in der großen, blinkenden Küche und stotterte nur so auf die Kathrinlies hinein: „Kathrinlies, ich bin Meister geworden und wollt' dich fragen, ob du meine Frau werden wolltest — ernähren kann ich dich wohl." Da sah die Kathrinlies den Hannes von oben bis unten an, dann stemmte sie die Arme in die Seite nnd lachte laut und gellend, daß es dem Hannes in die Seele schnitt. „Was bildest du dir ein, Hannes? Grafen und Barone gucken sich die Augen nach mir aus und ich sollte mich in deine verräucherte Pechbude sperren laffen? Und einen Burschen nehmen, der nicht einmal bei die Soldaten kommt. Ne, Hannes, das war einmal, als ich noch dumm und jung war!" Da flammte ein heißes Licht in den Augen des Hannes auf und blitzte die Kathrinlies an, daß es ihr fast schien, als habe der Bursch plötzlich ein anderes Gesicht bekommen und sie scheu von ihm zurückwich. „Grafen und Barone!" höhnte er und seine Stimme, die bisher für sie kein rauhes Wort gehabt, klang scharf und schneidend: „Grafen und Barone! dann bist du freilich keine Frau für mich!" Er sah sie an von oben bis unten, als habe er sie noch keinmal gesehen — dann sagte er: „Adjös, Fräulein Kathrinlies" und ging die Treppe hinab. Selbst das härteste Gemüth merkt etwas davon, wenn ein Mensch es im Zorn verläßt, der es lebenslang geliebt. Die Kathrinlies fühlte eine dumpfe, unver ­ standene Reue im Herzen, als sie allein war, sie ahnte etwas von der Schwere und Bedeutung ihres Verlustes — aber es ging ihr wie Man ­ chem Beffern — sie erkannte das Gesicht ihrer Liebe, ihres Glückes nicht einmal, als es seinen schmerzlichen Abschied nahm. Die Zeiten vergehen. Das kleine Dorf Röh- renfurt merkt nicht viel davon — es pflügt, sät, erntet, begräbt seine Todten und zieht nach und nach seine Kinder groß und nur der Schulmeister hält eine Zeitung. Manchen möchte davor ban ­ gen, ein so enge erzogenes, weltfremdes Kind, wie es in dem abgeschiedenen Thal aufwächst, in das bewegte Leben zu senden. Aber selten berechnet ein Mensch Gefahren, die er nie erprobt. Sorg ­ los spinnt noch immer die Großmutter das Braut ­ linnen des Enkelkindes. Eines Abends kommt die Kathrinlies heim, den Kopf gesenkt, den An ­ zug vernachlässigt. Sie geht nicht die Heerstraße, sondern schleicht sich über Hügel — Wald — und Feldweg vom Melsunger Bahnhof nach Röhrenfurt. Lange sitzt sie droben am Berge, ehe sie ins Dorf tritt. Dunkel soll es sein, wenn sie kommt. Das Thal lacht und glitzert im Abendgold — ach — wie abgestorben scheint Alles auf Erden, wenn die Freud' an uns