288 dem Vaterlande zu weichen, nnd ging nach Basel, wo er Sicherheit und Ruhe zu finden hoffte. Denn nicht allein die mächtige Partei der alten Kirche ver ­ folgte ihn, auch die Fürsten waren ihm feind geworden, als dem vornehmsten Urheber der ritterlichen Bewegung neben Sickingen. Die Aeltern waren in den letzten Jahren verstorben, aber Ulrich bezog wenig oder gar nichts aus der Berlaffenschaft. Da erging an ihn ein Ruf des Königs von Frankreich, als Rath in seine Dienste zu treten mit einem Jahresgehalt von 400 Goldkronen. Der Mann, welcher arm und elend sein gefährdetes Leben in Sicherheit bringen mußte, konnte doch es nicht über sich gewinnen, Dienste anzunehmen, welche nicht für fein Vaterland waren und lehnte die glänzende Stellung ab. In Basel lebte der von Hutten auf das höchste geschätzte und ihm befreundete Erasmus zu dieser Zeit, und nach Niemanden verlangte es den Verbannten so sehr als nach ihm. Wie mußte es ihn da tteffen, als EraSmus ihm durch einen Dritten unter den Fuß legen ließ, Hutten möge ihn nicht durch seinen Besuch bloßstellen. Längst schon war er mit dem Verhalten des großen Gelehrten nicht einverstanden, aus dessen Schriften die Gegner der alten Kirche viele chrer Waffe» holten und der dann sich selbst nicht treu, aus Besorgniß, seinen zahlreichen hohen Gönnern zu mißfallen die Verbindung mit jenen ablehnte. Als nun gar verlautete, Erasmus gedenke eine Schrift gegen die Evangelischen zu veröffentlichen, ließ Hutten ihn bedeuten, wenn er das thäte, könnten sie nicht mehr Freunde sein. Die Schrift erschien im März 1523 und der gereizte erbitterte Flüchtling faßte sich zum Schlage gegen den wie er meinte Abtrünnigen von der höchsten Angelegenheit. Auf Betreiben der seine Wirksamkeit fürchtenden Geistlichkeit war Hutten der Schutz des Rathes von Basel aufgesagt und er hatte ein Versteck in dem Augustinerkloster zu Mül ­ hausen, damals einer deutschen Stadt, aufgesucht, im Januar 1523. Erasmus hatte von Huttens Vor ­ haben durch diesen selbst Nachricht bekommen; da in seiner Schrift offenbare Unwahrheiten bezüglich seines letzten Verhaltens gegen Hutten vorkamen, er über ­ haupt kein gutes Gewissen hatte, schrieb er einen Brief an jenen, um ihn von dem Angriffe abzuhalten. Un ­ klugerweise ließ er dabei einstießen, es möchte ange ­ sichts Huttens derzeitiger Lage Leute geben, welche meinte», es sei vielleicht auf Ausbeutung, d. h. daß Hutten sich durch Geld zum Schweigen bringen ließe, abgesehen. Das reizte aber den Löwen noch mehr und ungeachtet der Bemühungen von Freunden, den Druck zu hindern, erschien im Juli eine geharnischte Schrift gegen Erasmus, welche das höchste Auffetzen machte und die Partei der alten Kirche mit Schaden ­ freude erfüllte, da sie den großen Humanisten denn doch für einen wahrhaften Freund nicht hielt. Eras ­ mus ging alsbald an eine Erwiderung. Sie erschien erst nach Huttens Tode und dadurch wurde der Ein ­ druck hämischer und unedler Stellen, welche nicht einmal das Unglück Huttens schonten, um so übler. Hatte man des letzteren Angriff nicht gebilligt, so wurde die Vertheidigung schwer getadelt, von Luther zumal. Der Verbannte hatte seine Zuflucht aufgeben müssen, da ein Sturm auf das Kloster durch das von der Geistlichkeit aufgestachelte Volk drohte; er fand bei Zwingli in Zürich zunächst Schutz und Trost. Den Untergang Sickingens mußte er noch erleben; heldenmütig ergab der mächtige Repräsentant einer neuen Gestaltungen weichenden Schöpfung des Mittel ­ alters sich dem ihn überraschenden qualvollen Tod. Wer möchte die Empfindungen Huttens schildern, die ihn bei der Nachricht vom Tode seines Freundes und großmüthigen Beschützers bewegten! War nun auch die Hoffnung auf bcffere Tage für die Ritter ­ schaft dahin, so sanken doch nicht des rastlosen Streiters kühner Muth und die Zuversicht auf das Bestehen der Sache, welcher er sein Leben, alle seine Kraft geweiht hatte. Er verfaßte noch eine Schrift „in tyrannos“ nämlich gegen die drei Fürsten, denen Sickingen erlegen war; allein wegen der Leidenschaft und Heftigkeit ihrer Ausdrücke fand sie selbst in der Schweiz keinen Drucker und Eoban, welchem Hutten nun dieselbe übersandte, um sie zum Drucke zu be ­ fördern, hatte bereits dem Landgrafen Philipp zur Besiegung der „Räuber" (Sickingens) Glück gewünscht und bemühte sich um eine Stellung in Marburg. Die Schrift ist verloren gegangen, was sehr zu be ­ dauern ist. Ende Juli richtete Hutten noch einmal einen Brief an den Jugendfteund Eoban, des sterbenden Helden Schwanengesang. Ein Anfall des alten Leidens, von welchem Hutten nie gründlich geheilt worden war, brachte dem morschen Körper das Ende. Auf der Insel Ufnau im Züricher See, deren stiller Friede seinen letzten Tagen Trost gewährte, endete der Sturm dieses Lebens. Ob es noch im Monate August oder zu Anfang Septembers war, vermögen wir nicht zu sagen. Nachdem der Lebenslauf unseres Helden vor unS vorübergeglitten ist, möge fein Bild und eine Würdi ­ gung seines Wesens und Strebens einen Augenblick unser Interesse fesseln. Bon Person klein und schmächtig, erregte bei Hutten der strenge, fast wilde Ausdruck des blaffen Antlitzes die Aufmerksamkeit; die ihm innewohnende Willenskraft deckte sich mit der Zähigkeit des wenig ansehnlichen Leibes, welcher so lange der Krankheit und den schrecklichen Euren widerstand. Im Umgänge zeigte er sich lebhaft, von sprudelndem Witze, doch flößte er Manchem durch seine Heftigkeit Unbehagen ein, da mitunter seine Rede schneidend und zurückstoßend wurde; Mutian, eine ruhige, den Gleichmut liebende Persönlichkeit, sagt von ihm: scharf und gewaltig und ein großer