273 Natur. Es giebt den Reichthum seines unbe ­ gehrten. unbeachteten Herzens dem freundlichen Beobachter hin, der weltfern und bescheiden ge ­ nug ist, seine in keinem Reisehandbuch, auf keinem Plane verzeichneten Wege zu gehen. In angehäuftem Buchenlaube rauschen seine Füße, neben ihm an den Rainen die wildverschlungenm Brombeerranken zwischen den schneeweiß gebleichten, mächtigen Blättern der Adlerfarre weisen ihre herrliche Zeichnung und prachtvolle Farben- schattirung des leuchtenden Roth von jeder Nü- ance im feinsten Uebergange zu Braun, Grün und Orange. Die Fulda — zu Zeiten so leb ­ haft, ist stille geworden über dem Ernst der Zeit. Die hellen Lichter aus ihrer Fluth von geschmolzenem Silber schwinden und kehren in träumerischem Spiel über dem Bilde des tannenbewachsenen Hügels am jenseitigen Ufer im Wasserspiegel. Pinienhast ragt dort und hier ein einzelner Erlenbaum über dem dunkeln Schilfe empor und zuweilen trägt ein Luftzug im langsamen, schwebenden Flug das breite, bunte Blatt einer Eiche oder Buche vom Waldesrand bis in des Flusses Lauf, als hoffe das Jahr einen Gruß seiner vergangenen Jugend bis in die Ewigkeit des Meeres zu senden. Auf der Landstraße gehen hessische Bauern, Männer in blauen Leinen ­ kitteln, Weiber mit der spitzen Mütze und langen Bandschleifen. Sie haben noch bte zähen, ge ­ duldigen , ausgearbeiteten Züge ihrer Race, des alten, todesmuthigen Chattenvolkes, vor dem schon Tacitus Respekt hatte. Ihre Langsamkeit, die steifen Bewegungen der Glieder, die regungslose Kopfhaltung, verrathen einen Mangel an geistiger Regsamkeit, aber dann und wann blitzt in den grauen Augen ein Strahl empor, welcher verräth: es ist nur schlummernde Intelligenz. Langsam, wie das Leuchten einer großen, auf- ehenden Lebensfreude in ein müdes Gesicht tritt, richt die Sonne durch die Nebelschleier und er ­ weckt urplötzlich mit ihrem „Sesam öffne dich!" all' den wunderbaren, verhüllt gewesenen Farben ­ zauber des herbstigen Waldes. Die Bäume, deren Aeste und Kronen durch den schon gelichteten Blätterschmuck leichter und unmuthiger ihre Con- touren auf den blauen Hintergrund zeichnen, stehen von heller Purpurgluth übergössen. Die Wiese hat der letzten Ernte noch einmal den jungen Halm nachgeschoben und trägt die leuchtende durch ­ sichtige Färbung des ersten Frühlings. Der Fluß strahlt nun in glänzendstem Azur. Unnennbarer Zauber liegt in solch plötzlichem Uebergang von grauer Müdigkeit zu jubelnder Festfreude — aber schnell wie ein Traunr stirbt aller Glanz unter den Schleiern des frühen Abends und vor mir liegt die greifbare Wirklichkeit des kleinen Bauern ­ dorfes Röhrenfurt. Während ein Spruch des Dreizehnlinden Webers durch meinen Geist klingt: «Ueber abgrundtiefe Räthsel Huscht der Mensch mit leichtem Sinne — Sorglos wie auf blauen Schlünden Spielt und tanzt die Wasserspinne." denke ich eines Menschengeschicks — eines kleinen Dramas aus der Tiefe des Volkslebens, das zum Theil im Dörfchen Röhrenfurt sich abspielte. Heimgehend überdenke ich sie und werfe sie in wenigen Zügen aufs Papier. An der Heerstraße, die über die alte, schwarze Holzbrücke durch die Mitte des Ortes führt, lag ein kleines Haus, weiß getüncht, mit braunem Fachwerk und Hauslauch auf dem schiefen Dach. In den weißen, gekaltten Feldern zwischen dem Gebälk waren Urnen gemalt, aus denen steife Sonnenblumen emporwuchsen und auf der Giebel ­ wand stand ein alter Spruch: «Beste du deinen Lebenslauf. «Der Mensch geht wie die Rose auf — «Und wie die Meter fellt er ab «Eh man ihn tregt zum Kielen grab" Ein verfallender Stall, der eine meckernde Ziege beherbergte, war an die Rückwand gebaut, ein Stückchen Garten und etwas Wiesenland umgaben das bescheidene Anwesen. Im Häuschen — der Hühnerstall unter den Flurstiegen, hockige Stübchen aneinandergedrängt und darin die uralte Großmutter, die Frau „Tielen" mit ihrer Enkel ­ tochter der „Kathrinlies." (Forts, folgt.) ekrolog. | xe in unserer vorletzten Nummer ausgesprochene Befürchtung über die schwere Erkrankung der Fürstin Auguste zu Usenburg und Büdingen-Wächtersbach hat sich leider nur zu bald erfüllt, indem die hohe Kranke am 18. Sep ­ tember in Halle ihren Leiden erlegen ist, wohin sie, wie wir schon berichteten, ihren Gemahl, den Fürsten, zur Pflege während einer Staaroperation