272 mich der Gedankenflügel in die hohe Rhön und bei den Patres am Kreuzberg trank ich ein ge ­ müthliches Bier. Und wieder stand ich in dem klugen» gelehrten und doch in ewiger, malerischer Jugend prangenden Marburg, mit seinem Wunder der Gothik, der schlanken, jungfräulichen Kirche der heiligen Elisabeth. Ich trat hinein durch das Thor mit den herrlichen Ornamenten. Bogen und Säulenpracht umfing mich und hessische Große sahen zu mir auf vom steinernen Sarko ­ phag — mächtige Gestalten todter Tage. Fritzlar grüßte ich dann — den interessanten Dom mit den romanischen Denkmälern und dem kostbaren Schatze von Kelchen, Patenen, Monstranzen und Reliquienschreinen. Ich stand in der alten Krypta, wo das verlassene Grabmal des hl. Wigbertus steht; ich saß träumend auf dem sonnigen kleinen Hof inmitten des Kreuzgangs und die grauen Grabsteine erzählten mir graue Geschichten aus vergangenen „Jahren der Herren". Ich weilte am edelsteingeschmückten Schrein der Heiligen und mir schien, ich fühlte den Rosenduft ihres barm ­ herzigen lieblichen Lebens, dessen Glanz noch heute auf Hessen und Thüringen liegt. Die einst engen, mittelalterlichen Straßen von Fritzlar scheinen noch wiederzuhallen vom Geklirr der Rüstungen deutscher Ritterschaft — Konrad von Franken ging aus diesen Mauern zum Kaiserthron. Nun lehne ich an der zerbröckelnden Mauer ­ brüstung des Heiligenberges und zähle der Chatten- dörfer „alle sefle". Homberg lockt mich zu sich herüber. Dort am Schloßberg spukt „die blaue Dame", aber noch lieber ist mir die Erinnerung an „Karoline von Baumbach", die hessische Helden ­ maid. Spangenberg seh' ich erstehn, auf hohem Schlosse wohnte dort einst das Geschlecht derer von Treffurt, Raubritter waren sie, — zwei Brüder. Einer stürzte im nächtlich tollen Ritt vom Hel ­ drastein hinab. Ein Ave Maria rettete sein Leben. Als Büßer starb er in Eisenach. Otto der Schütz wohnte hier, die ritterliche Sagenge ­ stalt Kinkels — und träumte einen seligen Liebes ­ traum mit der schönen Elsbeth von Cleve — später hauste in den weiten Gemächern Marga ­ rethe von der Saal, Landgraf Philipps Neben ­ gemahlin. Dort kniete sie in einer kleinen eigens für sie gebauten Kapelle. Was sie wohl ebetet haben mag? Noch später schmachteten ort politische Gefangene und in 1871 lagen in den öden Gemächern kriegsgefangene Franzosen —. Die Zeiten wechseln. Fortgezogen folgt mein Geist dem Flusseslauf nach Kassel, der alten Kurfürsten ­ stadt. Ich stehe auf der Kettenbrücke und vor mir erhebt sich der neue Justizpalast — hier trauerten einst die. unvollendeten Mauern der Chattenburg — nun hat die Gegenwart gesiegt und sinnend liegen die Sphinxe vor den imposanten Stufen. Altes, schönes Kassel! Wieviel hast du ge ­ sehen ! Landgrafen und Kurfürsten in langer Reche — den lustigen Jsrüme — die rothe Revolution — die große Veränderung von 66. Du empfingst den trauernden Napoleon III. auf dem Prachtsitz deiner Fürsten und sahst den letzten, verbannten Sproß ihres Hauses im Todtenschreine deine Straßen wieder durchziehen. Noch heute meine ich den Eisenbahnzug durch das winterliche Land fahren zu sehen, der seine Leiche brachte, noch meine ich die ernsten Glocken diesen Einzug grüßen zu hören. Im Wilhelmsthaler Rococo-Schlößchen drüben im Walde aber hängen lange Reihen Tisch- beinischer Portraits und erzählen von der zarten Schönheit der Töchter, hessischer Adelsge ­ schlechter, und vor dem Theater steht das edle Monument des ernsthaften Meisters Spohr — des hessischen, musikalischen Klassikers und hier und dort hängt in Palast oder Gallerie ein Bild des feinsinnigen Nahl. Ein hessisches Landeskind auch stellte die prächtigen, adeligen Frauenge ­ stalten auf im Treppenhaus der Gemäldegallerie; stolz und erhaben grüßen diese Repräsentantinnen mächtiger, künstlerisch begabter Nationen. Drunten in der Au aber trauert der hessische Löwe mit gesenktem Antlitz um die Helden, welche auf dem Forst die fremde Todeskugel traf. O, du reiches, kleines Hessen, wie wandeln durch deine Auen hohe Gestalten der Heldensage, der Poesie, der Kunst, des Märchens, dem die Gebrüder Grimm so Herrliches abgelauscht! wie wohnen in deinen Gauen Glück und Leid so nahe nebeneinander! Innig mit dem Gemüthe des Volkslebens ver ­ knüpft ist der Christenglaube, — das Halten an Treu und zäher Redlichkeit. Wohl mag in der Ferne deine Kinder, kleines Land, bittere Sehn ­ suchtsqual ergreifen! Historische Reminiscenzen wie diese wecken manch prächtiges Bild alter und neuer Zeit, und doch, was den mächtigsten Zauber um uns schlingt, ist der Reiz der heimischen Natur, des heimischen Volkslebens. Eben jetzt verfiel ich dem Zauber dieser Natur. Einer der ersten Novembertage, deren Nächte schon vom Meißner den Frau-Hollentanz des Windes und vom Odenberg den Wodanszug des eisigen Sturmes gebracht, gaben der einfachen, nur dem liebevoll forschenden Auge ihre ver ­ schleierten Reize bietenden Landschaft eine fast drückende Melancholie, die jedoch durch das Ein ­ gehen auf die von grauem Nebel verhangene Schönheit von Fluß, Wald und Berg gemildert ward. Mit tiefem, herzlichen Blick der Seele lohnt das verschwiegene, hessische Thal dieses Eingehen auf die Geheimniffe seiner innersten, unentweihten