257 taufe er nicht. Solche Zumuthung allein sei' schon eine Entweihung seines heiligen Amtes. Darauf sandte der Ritter zu dem Seelenhirten eines anderen Dorfes mit derselben Aufforderung. Dieser, ein schlauer Mann und nicht so schwer ­ fällig im Denken wie sein Amtsbruder, verstand sofort, daß es sich um Söhne des Herrn von Hund handele und erschien unverzüglich auf der Burg. Zum Dank für seine Bereitwilligkeit be ­ lehnte ihn der Burgherr mit einem bedeutenden Grundbesitz, den er eigentlich dem Pfarrherrn seiner Gemeinde zugedacht hatte. — Weit interessanter war es uns aber etwas über den sogenannten Kirchenstumpf jenseits der Schwalm zu hören. Ein Mauerrest, unten schmäler, in der Mitte ziemlich breit und oben fast spitzig zulaufend, erhebt sich wie ein Ausrufungszeichen aus einer Menge Steingeröll, welches von Immer ­ grün und dornigem Gestrüpp überwuchert ist. Hier soll früher das Dorf gestanden haben, das im dreißigjährigen Kriege bis auf jenen kleinen Mauerrest der Vernichtung anheim gefallen. Da die Mauer jenes Stumpfes sehr dick ist, so wird angenommen, daß es ein Rest der Kirche ist, denn die Häuser der Bauern sind wohl schwerlich so massiv gewesen. Hier eröffnete sich der Phantasie des alten Herrn ein schier unbe ­ grenzter Spielraum. Generationen ließ er er ­ stehen und ins Grab sinken und schilderte uns mit lebhaften Farben die Schrecken jenes Krieges, dem all das blühende Leben zum Opfer gefallen. Auch von diesem Erdenfleck laufen Volks- und allerlei gespenstische Sagen um. Kam der Abend, so brachte die Frau Försterin, — die Frau unseres alten Freundes, — eine gute, freundliche alte Dame, den dampfenden Pfannenkuchen, das fast allabendliche Gericht ihres Mannes. Meist genoß er dazu einen Teller dicke Milch, oder wenn gerade gebuttert war, auch ein Glas Buttermilch. Wir standen dann in andächtiger Erwartung des uns zugedachten Stückchens dicht neben ihm. und es war eine Lieblingsneckerrei des alten Freundes, zu thun, als sähe er unsere begehrlichen Augen nicht. Manchmal trieb er es gar so weit, uns zu fragen: „Ihr eßt nicht gern Pfannenkuchen, nicht wahr?" Worauf mit größter Pünktlichkeit ein vierstimmiges: „O doch Großvater! Sehr gern," ertönte. Dann rief er wohl in die offenstehende Flur ­ thür hinein: „Minchen!" — Minchen war die Tochter des alten Herrn — „Minchen, back doch noch 'en Kuchen, für die Kinder." Kam dann die Magd, um uns heim zu holen, so waren wir meist gar nicht erfreut, besonders zu der Zeit, als die Mutter daheim lange Monde schwer krank darniederlag. Da durften wir im Hause nicht lärmend umherspringen, die Mutter sahm wir selten, der Vater war immer ernst und traurig und wir Kinder fühlten uns überflüssig. Und dann kam ein Tag, wo sich ein düsterer Zug durch die Dorfstraße bewegte. Von upserm Hause ging er aus und in dem dunklen Schrein, den ernste Männer trugen, ruhte eine bleiche, kalte Gestalt, unsere Mutter, deren Augen nun nie mehr mit zärtlicher Traurigkeit auf uns ruhen sollten. — Da war es wieder der Großvatet, zu dem wir uns flüchteten. Scheu an die alt- morschen Staketen des Gärtchens gedrückt, spähten wir dem unheimlichen Zuge nach, nicht begreifend, daß wir viel, sehr viel verloren hatten, die Liebe und Fürsorge einer Mutter. Der Alte aber führte uns hinein in das trau ­ liche, niedere Gemach. Wir sahen es wohl, wie glänzende Tropfen in den langen, weißen Bart rollten, und wie er sich mit dem roth gewürfelten Taschentuch wieder und immer wieder die Augen wischte, als wir uns an ihn schmiegten mit der Frage: Ob die Mutter nun endlich nicht mehr krank sei, und ob wir nun daheim wieder „An ­ schlag" spielen dürsten, und ob der Vater nun wieder lachen werde? Seim weiches Herz wallte auf im tiefsten Mitgefühl mit uns. dennoch ver ­ mochte er wie sonst mit uns zu scherzen, um uns die Schwere des Verlustes weniger fühlbar wer ­ den zu lasten. Zuweilen im Winter, wenn dichter Schnee die Felder deckte und der brausende Nyrdost über das Land fegte, dann saß er wohl auch einmal an dem altmodischen Schreibschrank mit den Messingbeschlägen. Seine Hand führte den sorgfältig geschnittenen Gänsekiel über das derbe, gelbliche Papier. Dann schrieb er an seine ent ­ fernten Kinder. Doch selten genug geschah diis, denn das Schreiben gehörte ja niemals zu seinm Lieblingsbeschäftigungen. Zu seiner Zeit, — das heißt als er noch im Dienste gewesen, — da hielt man noch nicht so viel von der Schreiberei. Er schüttelte oft mißbilligend sein graues Haupt, wenn er sah, wie sein Amtsnachfolger oft tage ­ lang an den Schreibtisch gebannt war. Fragte er uns: „Nun Kinder, wo ist denn heute der Vater?" so mußten wir häufig genug aussagen: „Er schreibt wieder den ganzen Tag." Dann murmelte er in sich hinein: „Ist das heut zu Tage eine Einrichtung! Das sollen Revierförster sein und müffen beständig hinter dem Schreib ­ tisch hocken! Was denkt sich eigentlich das hohe Forstkollegium?" — Dann kam ein Tag, wo er sich nicht mehr, weder über das Forstkollegium- noch über sonst Etwas ärgerte. Wer auch das Necken und Scherzen mit uns Kindern hatte sein Ende er ­ reicht. Er sollte uns nie mehr errathen lasten,