228 Das grüne Gestell meines Jagdwagens, mit meinen treuen Rosien bespannt, soll auch zu dieser meiner letzten Forstreise mir noch dienen. Zwölf redliche Förster sollen nachfolgen, zwei Jäger mit meinen Leibgewehren den Zug beschließen. Will irgend ein anderer echter Freund auch mitwandern, so bitte ich ihn (wenn es sein Stand erlaubt) in Grün sich zu kleiden. Beim Einsenken sollen die braven Weid ­ männer mit einem dreimaligen Donner ihrer Pirsch ­ büchsen mich einsegnen. Nach der Zurückkunft soll man sie — außer meinem Hause — mit einem frugalen Jägermahle und einem guten Ehrentrunke bewirthen, und der Aetteste unter ihnen zum Schluß den hoffentlich herz ­ lichen Toast noch ausbringen: „Sanft schlummere der Freund der Natur Im Schatten der-von ihm» selbst gepflanzten Bäume!" — Und genau so, wie Wildttngen es. angeordnet hatte, vollzog sich denn auch seine Beerdigung. Ein zahlreicher Zug von Männern aus allen Ständen schloß sich an die dem Sarge unmittelbar folgenden Forstbeamten an. Einer der Begleiter sprach am Grabe warme Abschiedsworte im Sinne des Hingeschiedenen. Die Grabesstätte aber ist der etwa 8 / 4 Stunde von Marburg an dem Kappeler Wege nach dem Frauen ­ berge gelegene, von Wildungen selbst gepflanzte Forst- garten. Der Marburger Lokalpoet Dietrich Wein- traut besingt in seinen «Erinnerungen an Marburg 8 Wildungen's Grab und gedenkt noch in einem besonderen Gedichte der fröhlichen Feste, die Wildungen im Mai 1811 mit seinen Freunden im Forstgarten bei Gesang und Becherklang feierte. Und in späterer Zeit fand dies Nachahmung bei den Herren Studenten. Sie unternahmen häufig fidele Fäßchenpartien nach dem Forstgarten und zuweilen fochten sie hier auch ihre Duelle aus. Hatte schon der Sturm vom 18. März 1858 arge Verwüstungen im Forstgarten angerichtet, so war dies in noch größerem Maße bei dem Orkane vom 12. März 1876 der Fall. Fast sämmtliche von Wildungen gepflanzte Bäume wurden umgerisien, aber das Felsengrabmal blieb verschont, während der Sturm doch den kaum errichteten Aussichtsthurm auf Spiegels ­ lust in Trümmer warf und das Denkmal auf Augustenruhe umstürzte. Ludwig Karl Eberhard Heinrich Fried ­ rich von Wildungen, der Letzte seines Stammes, war geboren zu Kassel am 24. April 1754. Sein Vater war Heffen-Kaffel'scher Geheimer Rath. Das Geschlecht Derer von Wildungen wird bis zum 13. Jahrhundert zurückgeführt und stammt wahr ­ scheinlich aus der fürstlich Waldeckischen Stadt gleichen Namens; in früherer Zeit vor den Herren Freiherrn von Dörnberg soll es mit dem hessischen Erbtruchseß- oder Erbküchenmeisteramte belehnt ge ­ wesen sein. Seine Gymnasialstudien machte Wildungen auf dem damals berühmten Aegidiengymnasium zu Nürnberg und auf dem Pädagogium zu Halle. Hier schloß er ein dauerndes Freundschaftsbündniß mit Friedrich Ludwig von Witzleben, dem nach ­ maligen hessischen Oberjägermeister und Staarsminister. Auf den Hochschulen Halle und Marburg widmete sich Wild ungen nach dem Wunsche seines Vaters dem Studium der Rechtswissenschaft — ganz gegen seine eigene Neigung, die ihn nicht zu dem «grämlichen Dienste der Themis 8 , sondern zu dem frischen fröhlichen Dienste der Artemis hinzog. NaH vollendeten Universitätsstudien wurde er zunächst am 2. April 1776 als Affessor der Regierung zu Marburg an ­ gestellt. Der Plan, sich jetzt noch der von ihm so sehr geliebten Forstwissenschaft zu widmen, scheiterte an dem Widerspruch seines Vaters. In Nassau- Usingensche Dienste übergetreten, wurde er am 10. Mai 1780 zum Regierungsrathe befördert, und hier bot sich ihm auch Gelegenheit, sich mit seinem Lieblingsfache, dem Forstwesen, beschäftigen zu können. Im Jahre 1781 wurde er nach Hessen zurückberufen und zum Regierungsrathe in Marburg *) ernannt. Achtzehn Jahre blieb er in dieser Stellung, da schlug ihm die heiß ersehnte Erlösungsstunde. Am 22. Novem ­ ber 1799 erhielt er das Reskript als Oberforstmeister in Marburg. «Lieblicher 8 , schreibt er in seiner Selbstbiographie, «lächelte nie des Rosenmonats schönster Morgen mich an, als jener düsterste aller Novembertage mich anlächelte, der diese frohe — nun fast nicht mehr erhoffte —• Botschaft mir verkündigte. Selbst im höchsten Schwünge der Ode vermochte ich die Freude nicht zu schildern, in der ich mein «Triumphlied 8 aus der Fülle des dankbarsten Herzens anstimmte. 8 Dieses «Triumphlied 8 aber, das damals berechtigtes Aufsehen machte, wollen wir unsern Lesern nicht vorenthalten. Hier ist es: Nun fahr' er wohl, Herr Mevius, Herr Brunnemann und Leyser; Im Walde macht Naturgenuß Mich glücklicher und weiser. Wohl mir! entfloh'n bin ich dir nun, Gerichtliches Getöse; Wie gerne lass' ich jetzt euch ruhn, Ihr feisten Aktenstöße! Nun mögen andre früh und spät Vor Themis Pfluge schwitzen; Ein schöner Wald, von mir gesät. Wird baß der Nachwelt nützen. Zwar werd' ich einst, beim Rabenschrei Und bei der Füchse Ränken, *) Wildungen war Mitglied der juristischen Abtheilung der Regierung. Damals waren die Verwaltung und die Justiz' noch mcht getrennt. Dieser wesentliche Fortschritt erfolgte in Kurhessen erst, oder vielmehr im Hinblick auf andere deutsche Staaten schon unter der Regierung deS Kurfürsten Wilhelm II. durch das Organisationsedikt vom 29. Juni 1821.