225 Reinwald: Nun, ich meine nur so! — Aber, mit Ihrer Erlaubniß, ich habe ihn schließ ­ lich — abgeschrieben — Schiller: Abgeschrieben — ? Sie entwickeln sich also zum Abschriftsteller — ? Reinwald: Ich fand so viel reifes Denken darin, so viel Sinn für Sparsamkeit, so viel besorgte, herzliche Wohlmeinung für Sie, lieber Herr Doktor, für Sie, den großen Dichter, den Verfasser der Räuber, des Fiesco, der Luise Millerin, für Sie, die Hoffnung uud den Stolz Deutschlands — (stockt) Schiller: Platzt denn die Bombe noch nicht bald -? Reinwald: Daß ich trotz meiner Hypo ­ chondrie sofort gar nicht zweifelhaft darüber war, die Freundschaft, die ich für den Bruder hege, auch auf die Schwester übertragen zu sollen — Sch iller (beiseite): O, weh! — Das wußt' ich! Reinwald: Sagten Sie etwas — ? Schiller: Nein, ich dachte nur laut — Reinwald: Ihr Fräulein Schwester! — Als Poet bin ich natürlich im Stande, die Er ­ scheinung des holden Kindes mir im Geist vor ­ stellen zu können! Schlanke Figur — ovales Gesicht — zierlicher Mund — gebogene Nase — wie Sie — (macht mit der Hand eine entsprechende Bewegung). Schiller: Bitte —! Die Nase meiner Schwester ist geschweift — so — Reinwald: Thut nichts —! Ich liebe auch geschweifte Nasen —! Blaue Augen — hohe Stirn — Schiller: Impertinent rothe Haare — (zeigt auf sein Haupthaar). Reinwald: Thut nichts — Schiller: Sommersprossen — kein Ver ­ mögen — Reinwald: Wir haben Manna des Himmels! Schiller: Davon wird man nicht satt. Das weiß ich aus Erfahrung. Reinwald: Lieber Herr Doktor, ich habe ja um Gehaltszulage gebeten — Schiller: Verstehe! Verstehe! — Lieber Reinwald — aber — Reinwald (rasch, gereizt): Kein Aber —! Sie sollen sehen, daß ich ganz loval zu Werke gehen will! — Ich wollte Sie als oen Bruder, meinen Freund, den großen Dichter — Schiller: Halt! Reinwald: Ach, welche Bescheidenheit! Er ist ein wirklicher Künstler! — Ich wollte Sie nur gehorsamst fragen, ob Sie verstatten, daß ich — ich — ich — Schiller: Trotz Ihrer Hypochondrie — Reinwald: Nein, wegen derselben — ein paar Zeilen an Ihre Schwester nach Stuttgart richten darf — um — um — Schiller: Ganz recht — um! Reinwald: Vorher hatten Sie ein Aber! Schiller: Lieber Reinwald, wie alt sind Sie denn — ? R e i n w a l d (rasch,: Sie meinen, Ihre Schwester wäre doch zu jung für mich? — O, was das betrifft, da seien Sie ganz unbesorgt! Ich würde sogar eine noch jüngere heirathen —! Schiller: Daß Sie heirathen wollen, ist ja sehr vernünftig von Ihnen —! Warum haben Sie das denn nicht schon früher gethan — ? Reinwald (perplex. Nach einer Pause): Warum? (herausplatzend,. Weil mich bisher noch keine gewollt hat —! Meine Hypochondrie — ! Schiller: So! — In Meiningen kennt man Ihre Hypochondrie und die jungen Damen richten sich darnach! Aber meine Schwester halten Sie für gut genug, um — Reinwald: Natürlich - ! (Sich rasch ver ­ bessernd) Ach Gott —! Schiller (wendet sich nach hinten). Reinwald (geht Schiller nach,: Ich meinte ja nur so —! Herr Doktor — ! Ich meinte —! Verstehen Sie mich doch recht —! Ich meinte —! Ich wollte ja nur sagen — ich habe ja nur sagen wollen — (Posthornklänge hinter der Scene.) Schiller: Ich verstehe —! Reinwald (rasch, gereizt): Nein, Sie verstehen nicht! Ich habe ja nur sagen wollen — Sechster Auftritt: Frau Vogt. Mägde (eilen aus dem Hause nach dem Thore zu). Bauern und Bäuerinnen (füllen die Dorf ­ straße). Wärmstem. Sensteig. Vorige. Dann Schul ­ kinder, von Vogt (hereingeführt,. (Böllerschüsse.) Vogt: Sie kommen! Sie kommen! Schiller: Sie müssen mich entschuldigen, lieber Reinwald — ich muß dem Wagen, wenn auch nur einige Schritte, entgegen gehen —! Reinwald (rasch): Ich auch! Ich gehe mit! — Wir können ja unterwegs weiter reden! Schiller: Im Augenblick bin ich wirklich nicht in der Stimmung - ! Und offen gestanden, meine eigenen — Herzensangelegenheiten be ­ schäftigen mich jetzt mehr, als diejenigen — selbst meiner Schwester —! Lotte! Lotte! — Sie ist es — ! (stürzt durch das Thor ab.) (Die Bühne füllt sich immer mehr.) Reinwald: Merkwürdig! So geht es mir doch stets! Allen Menschen bin ich für gewöhnlich eine angenehme Persönlichkeit! Man macht mir Komplimente über meine Gelehrsamkeit! Man lobt meine Verse! Man rühmt die Korrektheit meines Styls! Man ist entzückt von der Gabe