170 Die Uilgerfahrten der Landgrafen Ludwig I. «ud Wilhelm I. von Kessen noch dem heilige« Grabe. Von C. v. Stamford. (Fortsetzung.) jeder traten traurige Zeiten für Hessen ein, als Ludwig die Augen geschlossen hatte. Erst sein Enkel Wilhelm I. durfte den Gedanken fassen, seinem Lande für längere Zeit den Rücken zu kehren. Aber die 60 Jahre, welche seit der Pilgerfahrt des Ahnen verflossen waren, hatten in der Welt gewaltige Aenderungen vorbereitet. Ein Flüstern ging dem nahenden Sturme voran, schon lebten die Männer, deren kühner Geist vor Allem Mächtiges wirken sollte, Eolumbus, Eopern cns, Luther, in ihrem Gefolge zahlreich Solche, welche das Errungene zu wahren strebten. Das Wichtigste für alle edleren Geister war die Herstellung der Kirche in ihrer alten Reinheit, die Abstellung der Miß ­ bräuche in derselben. Die hessischen Fürsten suchten nach Kräften die Schäden zu heilen, wir lesen, daß sie in den Klöstern vielfach reformirten. Damals herrschten drei Landgrafen, alle Wilhelm genannt, im Lande; die Brüder Wilhelm der Aeltere und Wilhelm der Mittlere regierten in dem zwischen ihnen getheilten Niederfürstenthum, dem jetzigen Niederhesscn, ihr Vetter Wilhelm der Jüngere saß in Marburg, hatte das Ober ­ fürstenthum nebst der 1479 heimgefallenen Ober ­ und Niedergrafschast Katzenelnbogen unter sich und war s-inen Bettern von der älteren Linie an Besitz weit überlegen. Wilhelm I. zu Kassel war mit 17 Jahren zur selbständigen Regierung gelangt und bewies von Anfang an milden Ge ­ müthes das ernste Streben, die in den Zuständen seines Volkes noch vorhandenen Härten zu lin ­ dern. Von Person wird er schön, schlank, eben ­ mäßig gebaut, gewandt in ritterlichen Uebungen geschildert. Allein der Hang zu geheimen Wissen ­ schaften, jenem Zeitalter eigen und noch lange hin herrschend, zog Wilhelm wohl mehr, als einem Landesherrn dienlich war, vom Leben ab, seine Einbildungskraft entführte sein Sinnen und Trachten den Nächstliegenden Pflichten. Gewiß war frommer Glaube eine starke Triebfeder zu seinem Entschlüsse nach dem gelobten Lande zu pilgern, aber in wie weit auch der Wunsch, Neues kennen zu lernen, mitwirkte, ist nicht zu ermessen. Der Landgraf hatte sich im Jahre 1488 zu Münden mit Anna, Tochter Herzog Heinrichs von Brauuschweig - Wolfcnbüttel. ver- mält. Dennoch reifte bald darauf sein Plan. Die Mutter, Mechtildis von Würtemberg, Schwester Eberhard's im Barte, die Räthe, alle ihm Nahestehenden, die Bürger Kassels und wer sich nur aussprechen konnte, suchten dem Fürsten seine Absicht auszureden. Die junge Gemahlin wird nicht die Letzte mit ihren Vorstellungen gewesen sein. Die großen Mühsale der Reise, ihre ernsten Gefahren, die voraussichtlich lange Abwesenheit von seinem Lande, auch die für Letzteres schwer aufzubringenden sehr großen Kosten wurden eindringlich geltend gemacht. Der mehr träumerische als thatkräftige Sinn Wilhelms war nicht von dem Vorhaben ab ­ zubringen. Die Vorbereitungen wurden ge ­ troffen, die Begleiter ausgewählt und am Sonn ­ tage nach Ostern, den 10. April 1491, zog die kleine Pilgerkarawane zum Zwerenthore Kassels hinaus, welches noch heute als Durchgang des Thurmes am Museum erhalten ist. Seit einiger Zeit bereits hatten die Pilger den Bart wachsen lassen, in duukelemunscheinbaremPilgergewandemit Muschelhut und Stab, auf die Brust das rothe Kreuz, Zeichen ihres Vorhabens, geheftet, zogen sie dahin, umgeben von einer großen Volksmenge, Hoch und Niedrig. Das Tagebuch, welches einer der Begleiter Wilhelms über die Reise führte, ist erhalten und wird für das Folgende zu Grunde gelegt. Sein Verfasser ist Dietrich von Schach ­ ten, welcher sich im Jahre 1487 als Amtmann zu Trendelburg und Schonenberg bei Hofgeis ­ mar findet und nach seiner Rückkehr Amtmann zu Grebenstein wurde. Seine Familie blüht