132 Als Hornfeck sein schönes Liedlein vorgetragen hatte, sah er mich mit stolzer Siegeszuversicht an und rief: „Mach' auch so Eins, wenn Du kannst." „„Warum nicht?"" entgegnete ich; „es kommt nur auf's Probiren an. Sei nur so freundlich, recht artigzuzuhören."" Und nun las ich mein Liedchen, das so lautete: An meiner Brust als Blume nur Und doch, wie herrlich ruhst Du hier! Vergessen könnt' ich der Natur, Denn schöner als in Wald und Flur Wird's grün im eig'nen Innern mir. Du mußt ein Schlüsselblümlein sein. Das heimlich mir das Herz erschloß. Wie käm' der Frühling sonst hinein, Daß auch so ganz von Sonnenschein Und Blüthenduft es überfloß? Diesmal wurde nicht kritisch genörgelt, obschon Hornfeck stark in der Versuchung war, denn eigentlich ärgerte er sich ein wenig, weil sein Sieg nicht so zweifellos war, wie er sich's ge ­ dacht hatte. Schließlich aber beschlossen wir, da wir auf der Bergfeste Spangenberg einen Richter doch nicht gut finden konnten, alle sechs Gedichte heimlich, auf verbotenen Wegen, meiner Braut zu schicken. Diese aber schrieb auf dem ­ selben Wege dem Zellenbewohner Nr. 6: „Ich finde Ihre drei Gedichte ganz ausgezeichnet schön;" und mir auf Nr. 5 schrieb sie noch viel heimlicher, nur für mich allein: „Die Deinigen aber ge ­ fallen mir doch noch viel besser!" Was konnten wir noch mehr wollen? Das Urtheil dieser Richterin machte uns alle beide glücklich. An dev Küste. Von schroffer Felsenküste blick ich hinab auf's Meer, Der Brandung lautes Tosen schallt machtvoll um mich her! Und weiterhin, da schimmert's so ruhig hoheitsvoll, Mein Herz, o Meer, fragt stürmisch, ob es dich lieben soll! ? Doch hinter mir, da rauschet der Buchenwald mir zu: „Dort drunten haust Verderben, hier findest Leben Du!" Da gellet aus der Brandung ein wilder Todesschrei, Doch eh' ich kam zu retten, war alles längst vorbei! Und wie ich von dem Felsen nun trauernd niederschau', Da glänzt es nicht mehr ruhi?. 's ist alles leichengrau, Und schwefelhafte Wolken, die hängen schwer herab, Und Blitze sausen zuckend in's wüste Wcllengrab! Die Hölle scheint entfesselt, der Sturm braust über's Meer Und zerrt und peitscht die Wogen allmächtig vor sich her t Gespenstisch jagt ein Schiff dort wild schwankend durch die Fluth: „Gott schütze euch, ihr Armen und stähle euren Muth!" NanbrichtderMast! Entsetzlich! „Herr, lenke ihrGeschick!" Jst's Regenfluth, — find's Thränen, was mir getrübt den «lick? „Zurück! Zurück zum Walde!" mein Herz nun schaudernd „Das ^kett, ich kann's bewundern, doch lieben kann ich's nicht!" Ä«S» Lrsderking. Girre Uhtands-Uachfeiev in Rauschenberg (Är. Mrchhain). (27. April 1887). Droben, wo die Tannen rauschen auf des Rauschen ­ berges Höhen, Seh' im Geist ich einmal wieder alle Herrlichkeit erstehen: Jenes Schloß mit soviel Fenstern, als das Jahr an Tatzen zählt, Wo für keinen Tag an neuem Luginsland es hat gefehlt. Doch „wo blieben nun die Fenster Rauschenbergs?",, fragt man in Hessen, Wenn versunkne Pracht so bald schon, ach so bald schon wird vergessen, Wenn der Großen Trotz und Hochmuth kommt zu solchem jähen Fall, Wie uns Uhland singt von eitlem Gluck und'Glas von Edenhall. * Unser Uhland! Also tönt's herüber aus dem Festessaale Wo bei seiner Jubelfeier gestern noch in Silberschale Gold'ne Früchte hell erglänzten, wo des „Schäfer's Sonntagslied", Wo das Glöcklein der „Kapelle" wiegten uns in Himmelsfried! Aber horch! Regt sich's nicht dorten in den alters- arauen Mauern? Hörst Du da nicht Schwerter klirren, fühlst Du nicht geheimes Schauern? Ja, der Rauschebart, der Greiner, steigt dort aus des Grabes Bann, Sammt dem Heldenwort: „Mein Sohn, der fiel, .ist wie ein and'rer Manu!"