117 Querfragen hin, indem er ehrlich und frisch von der Leber weg die volle Wahrheit erzählte. „Lassen Sie es gut sein, Lindenau," sagte endlich der Fürst. „Der Bursche ist kein Ver- räther, aber er ist ein arger Schelm, sonst hätte er uns nicht Alle genarrt und nicht gewagt, sich ohne Permission über dem Thore einzuquartieren; ja, er hat sogar die Keckheit so weit getrieben, ohne Permission ein schmetterndes Viktoria zu meinem Kegelglück zu blasen und das sind doch schwere Vergehen wider die Schloßordnung. Lindenau, wir müssen ihm eine strenge Strafe zudiktiren." „Zu Befehl, hochfürstliche Guaden," schnarrte der. Hauptmann im Tone voller Befriedigung. Amandus hatte sich ein wenig vorgeneigt und blickte mit einem leisen Lächeln um die Lippen nach dem Studiosus, der jetzt wie ein armer Sünder den Kopf auf die Brust hängen ließ, um stumm sein Urtheil zu erwarten. „Kilian Frank" hub der Fürst mit scheinbarer Strenge an, „für seine Ungebührlichkeiten soll Er die Verließe unserer Festung kennen lernen und achtundvierzig Stunden bei Wasser und Brod dort im Arrest bleiben; dann aber hat Er sich unverzüglich aus dieser Gegend zu entfernen und nach Würzburg zurück zu begeben, ohne jetzt oder später je ein Sterbenswörtchen von Allem, was sich hier zugetragen, zu erzählen. Gelobt Er dieses?" „Auf mein Ehrenwort," versetzte Kilian und athmete auf, wie von einer Centnerlast erleichtert. „Und weil Ihm unsere Haupt- und Residenz ­ stadt Fulda nicht gut genug war, um an der alma Adolphiana daselbst das corpus juris zu erlernen, so soll Er sich nicht unterstehen, je einen Fuß hinein zu setzen oder auch in deren Nähe sich sehen zu lassen, es sei denn, daß ich selbst Ihm dieses gestatten würde." „Hat er aber in Würzburg seine Studio ouw laude absolvirt, wie Er dieses so prahlerisch er ­ klärt," fuhr nach einer kleinen Pause der Fürst fort, „und hat Er Alles genau beobachtet, was ich Ihm befohlen habe, dann werde ich nicht an ­ stehen — seine Bestellung zum Amtsvogt zu verfügen." „Hochfürstliche Gnaden" — stammelte der junge Mann, seine freudig leuchtenden Augen voll Dank zu dem etwas schalkhaft dreinsehenden Fürsten erhebend. „Halt, noch eine Bedingung;" rief Amandus rasch, „daß Er mir das junge Frauenzimmer, das so fest auf Seine Treue baut, nicht — sitzen läßt!" „Das Nanderl!" entfuhr es Kilian, der im glücklichsten Uebermulhe für einen Augenblick so ­ gar die hohe Gegenwart des Fürsten vergaß, aber sogleich stieg ihm die Röthe der Verlegenheit in sein intelligentes Gesicht. Amandus aber lächelte: „Mein lieber Lindenau, führen Sie ihn nun ab auf die Festung." Nachdem die Hofgesellschaft das ebenso seltene r e interessante Schauspiel genossen, einen ge ­ fährlichen Spion unterer sicherer Bedeckung der fürstlichen Leibhusaren gefesselt auf die Feste Bieberstein transportirt zu sehen, kündigte Amandus plötzlich den Aufbruch an zur Rückkehr in die Residenz. Keinem aber fiel es auf, daß Seine hochfürstliche Gnaden heute so sehr froh gelaunt erschienen; — war doch eine große Gefahr vom Vaterland glücklich abgewandt. Aber o Schrecken! — einige Tage später, nachdem der Hauptmann Lindenau wieder einmal eine geheime Audienz gehabt, verbreitete sich plötzlich das Gerücht, der verwegene Gefangene, der ein Bursche von der schlimmsten Sorte, sei dennoch entkommen, da der Einsturz einer Kase ­ matte ihm die Flucht ermöglicht habe. Kein Wunder, daß da dem Fürsten die kriegerische Befestigung total verleidet wurde und er Bieber ­ stein nun nichts Anderes mehr sein lassen wollte, als wozu es dessen Erbauer Adalbert I. bestimmt: ein behagliches Jagdschloß! Die Kanonen aber, die Amand in seinem kriegerischen Eifer hatte aufstellen lassen, blieben dort, bis sie im Jahre 1807 von den Franzosen weggeführt wurden; sie hatten durchaus friedlichen Zwecken gedient, denn nur bei fröhlichen Gelagen waren sie abgefeuert worden, um der animirten Stimmung recht lauten Ausdruck zu geben. Ja ­ wohl, es wurden frohe Feste dort gefeiert und nicht umsonst hieß es.damals im Stiftsländchen: „Wer geht nach Bietzrrstein Und trinst den fulder Wein, Kehrt selten Züchtern heim!" Als Amand von Buseck todt war, fand man in seinem Schreibtisch den Brief vom Reichs ­ hofrath zu Wien, und nun erst erkannten die Fuldaer den wahren Grund, der den Fürsten gezwungen, von der Ausführung seines Festungs ­ planes abzustehen, wovon Niemand eine Ahnung gehabt hatte. — Das stattliche Bergschloß blickt noch heute von seiner stolzen Höhe weit hinaus über lieblich grüne Wälder und Auen hin, doch von dem kleinen Schlößchen unten ist kein Stein mehr übrig; es wurde im Anfang Dieses Jahrhunderts auf Ab- bruch verkauft. Nur das lange Stallgebäude In dem die schmucken Rosse der Leibhusaren einst