106 Kenz. Hast du, wärmende Lenzessonne, Heißen Abschiedskuß auf das silberhaarige. Sterbende Haupt Greisen Winters gedrückt Und bei Zephyrs Gesang durch helle, Gold'ne Strahlen Blumen und Gräser, Wiesen und Auen und Hag Langem Schlummer erweckt; Dann entsprießet des Dichters Busen ;>.aanches Lied von minnigem Gruß, und sehnende Liebe entquillt Ueberströmend der Brust. Still! die Nachtigall jubelt. Hörst du, Wie der Abendwind in den Bäumen lispelt und Flüstert und raunt? Hörst du, hörst du es wohl? Und da drunten im Thäte einsam Ruht und träumt beim Ton der Schalmei der fröhliche Hirte, nur dich, Dich im Herzen, Natur! Johann KerrraUev. Aphorismen. Wenn wir immer nur dem Verstände folgen wollten, so würde manche schöne und edle That ungeschehen bleiben. Auch die Stimme des Herzens weist uns oft auf den rechten Weg, räth uns was wir zu thun oder zu lassen haben und leitet uns als sicherkundiger Führer zum Ziele. * * * Die Thorheit liebt zu schwatzen, die Weisheit aber kargt mit Worten, werk ihr diese als Ver ­ mittler von Gedanken gelten. * * * Wer Null und Nichts zu verbinden sucht, wird immer einen glatten Rechnungsabschluß haben, ein Facit, das an Klarheit nichts zu wünschen übrig läßt. * * * Drei Dinge sind, die jedem Manne zur Zierde gereichen. Nur selten von sich selbst, von den Verdiensten Anderer mit rückhaltloser Anerkennung und niemals um des Redens selbst willen zu reden. Wie auch das klarste Bild in erkrankten Augen getrübt oder verzerrt erscheint, so gerathen in konfusen Köpfe» selbst die einfachsten Wahrheiten in Verwirrung, verwandeln sich in Seltsamkeiten oder Marotten, die besonders da bedenklich werden, wo sie Anspruch aus eine ernste Würdigung er ­ heben. * # * , Aller Gesänge mächtigsten nenne ich Dich, ur- ewiger Dreigesäng der Zeittöchter, deren die älteste vom Gewesenen, die andere von dem was ist und mit tiefherabgezogenem Schleier die dritte vom Zukünftigen fingt; — inhaltlich verschiedene, aber in gleichen Rhythmus tönende, sich gegen ­ seitig ergänzende und erklärende Strophen, wie die dreigestaltige Mutter sie lehrte, die eud- und anfanglose. Alles bewältigende, den Willen der Menschen und Götter zwingende Zeit. * * Um den Weg zum wahren Glücke finden zu können, müssen uns zwei Gefährten zur Seite gehen, zur linken die Liebe und zur rechten die Freundschaft. * * * Ein kluger Musiker stimmt erst sein Instrument, ehe er seine Weisen spielt, und ein Verständiger bedenkt und prüft zuvor, was er sagen und ge ­ hört wissen möchte. Aus alter und «euer Zeit. Nekrolog. Wenige Wochen sind verflossen, seil wir das Hinscheiden eines rühmlichst bekannten hessischen Künstlers, des Geheimen Hofraths Ludwig Sigismund- Ruhl, des ehemaligen Direktors der hiesigen Akademie der bildenden Künste, zu melden hatten, heute liegt uns die Pflicht ob, einem seiner hervorragendsten Schüler den Nachruf zu widmen. Am 31. März starb zu Düsseldorf an Herzlähmung der Land- schafts- und Genremaler August Lev in von Wille. Derselbe wur 1829 zu Kassel geboren, wo sein Vater als Konsistorialdirektor wirkte. Seine Mutter, eine geborene v. Hachenberg, war vom Land ­ graf Friedrich II. über die Taufe gehalten, worden, nnd seine Großmutter versah die Funktionen einer Hofdame bei der Landgräfin Philippine. Schon frühzeitig zeigte A. L. v. Wille Neigung nnd Talent für die Malerei. Sich für diesen Beruf vorzube ­ reiten und auszubilden, hatte er an der kurfürstlichen Akademie der bildenden Künste die beste Gelegenheit. Sein specieller Lehrer wurde der noch lebende hoch ­ betagte, als Künstler Lehrerund Schriftsteller gleich aus ­ gezeichnete Professor Friedrich Müller. Nachdem Wille seiner — als Künstler einjährigen — Militärpflicht bei dem hessischen Jäger-Bataillon genügt, wandte