88 II. Derjenige, dem diese tolle Verfolgung galt, war unterdessen bergabwärts durch's Waldcs- dickicht geschritten. Es war ein junger Bursch, der so frei und fröhlich aus seinen braunen Augen in die Welt schaute, daß man ihm gar ­ nicht zutrauen mochte, er trage sich mit kriegs ­ gefährlichen Plänen. Und in Wahrheit fiel ihm solches auch gar ­ nicht ein. Sein frischer, burschikoser Sinn war mit ganz anderen Dingen beschäftigt, und wenn er auch wirklich von Würzburg gekommen war, so wollte er doch nichts Anderes auskundschaften, als einzig — wo sein herzlieber Schatz sich be ­ finde. Ihr Vater hatte sie verbannt zu einem Onkel, der irgendwo in der Rhön in einem Jägerhause mitten im Wald wohnen sollte, denn der Alte wollte nichts von ihrem Liebesvcrhält- uiß wissen, weil er den Studenten nun einmal nicht grün war, und sie sammt und sonders für- lockere Zeisige hielt. Im Allgemeinen hatte er ja auch Recht, aber mau kann doch nicht gleich ein Mann von Rang und Würden sein; — die vorgeschriebenen Semester mußten doch der Alma mater geopfert werden! Und es war eigentlich Alles so ganz von selbst gekommen: Kilian Frank hatte in derselben Gasse mit dem schönen Nanderl gewohnt — und da hätte man doch einein flotten Burschen die Augen verbinden müssen, wenn er ein so reizendes Gegenüber nicht hätte wahrnehmen sollen. Und daß er, der so prächtig das Waldhorn blasen konnte, dann dem schönen Kinde zu Gefallen all ­ abendlich seine einschmeichelndsten Weisen über die enge Gasse hin tönen ließ, — nun, das war doch auch natürlich, um so mehr, da der feinge ­ formte Mädcheukopf dann jedes Mal an's offene Fenster gebannt blieb. Da mußten freilich die Klänge immer zarter, immer inniger, immer sehn ­ suchtsvoller werden, so daß sie schon längst aus ­ gesprochen hatten, was er mit Worten erst zu gestehen wagte, als er einmal in der Dämmer ­ ung ihr begegnet und sie ein Stückchen Weges begleitet hatte. Von da an hatten sie sich öfters heimlich gesprochen, aber das junge Glück dauerte nicht lange, der Vater kam dahinter und machte ihm, wie gesagt, ein rasches Ende. Doch Kilian vergaß das Nanderl nicht; als die Sommerferien anbrachen, da machte er sich auf, um sein Lieb in der Rhön aufzusuchen. Das Waldhorn mit sich führend und ein grünes Reis am Hute, so war er auf gut Glück hineingewandert in die oft ganz unwegsame Berg- wildniß, über weite, kahle Hochflächen und wald ­ bekrönte Höhen, durch stille Dörfer und einsame Schluchten. Aber schon wochenlang hatte er > diese Gebirgswelt durchstöbert, ohne eine Spur ! von der Gesuchten zu entdecken. Da war er ! endlich heute in eine bergumschlossene Waldein ­ samkeit gerathen, wo er zwischen hohen, dicht ­ stehenden Buchen jeden Pfad verloren hatte. Mit einem Male sah er durch die alten Stämme eine Mauer schimmern, mit keckem Wagen kletterte er hinüber und wurde am jenseitigen Boden von einem lieblichen Anblicke gefesselt: ein Rudel der stolzesten Damhirsche graste am Saume einer Lichtung innerhalb des umschlossenen Bezirkes. ; Ganz vertieft in dieses Bild, hatte er nicht ' wahrgenommen, wie ein ältlicher Mann in grüner Kleidung aus deu Büschen hervortrat, bis letzterer mit rauher Stimme fragte: ' „Was will Er hier und wie ist Er hier her ­ ein gekommen?" „Ueber die Mauer", sagte Kilian lakonisch, , indem er grüßend sein dreieckiges Hütlein zog. „Was? Ueber die Mauer?" wiederholte der Andere grimmig. „Wie kann Er sich unterstehen, hier einzudringen, wo Er gar nicht hingehört? Hier ist der Thiergarten!" „Verzeihen Sie, das wußte ich nicht; ich hatte mich verirrt. Aber ist vielleicht hier in der Nähe ein Jägerhaus?" i Das höfliche „Sie" hatte den Grünrock milder gestimmt. „Was soll's denn mit dem Jäger- : Haus? fragte er weniger barsch. „Nun, ich dachte, ich könnte dort ein bischen ' rasten und vielleicht auch einen Imbiß finden, wenn ich einige Stückchen auf meinem Waldhorn vortragen würde." „Was ist Er verrückt?" schnaubte aber jetzt der Andere im Hellen Zorn. „Geh' Er nach K l e i n s a s s e n! dort führt der Weg hinaus; bei nnS ist kein Wirthshaus." Und er zeigte ge ­ bieterisch nach einem Gitterthore, das zum Wild ­ park hinaus auf einen Fahrweg führte. Der junge Mann war diesem Wege eine kleine Strecke gefolgt, als plötzlich, etwas ab ­ seits, hinter den hohen Waldbäumen ein ein ­ sames Haus auftauchte. Ein mächtiges Hirsch ­ geweih über der grünangestrichenen Hausthüre verrieth dem Ueberraschten, daß es ein Jäger ­ haus sei, und erfüllt von freudigster Ahnung, setzte er jetzt sein Waldhorn an, um die Geliebte, — wenn wirklich hier ihr Aufenthalt war — mit frohen Klängen herbei zu locken. Es war ihr Lieblingstied, das er zu blasen anhub: ! „Und die Würzburger Glöckli Haben schönes Geläut', Und die Würzburger Müdli I- Sein kreuzbrave Leut'".