32 — Aus dem Leben Doktor Uujo s. Kleinstädtisches Ccbcns ^Vetnc Praxis war eine sehr ausgedehnte, in Anbetracht der Entfernung der kleinen Dörfer von einander. Freilich, wenn er des Morgens auf seinem baufällige», regenverwaschenen Berner Wägelchen die Chaussee entlang gerumpelt kam, sah man ihm nicht an, daß seine Minuten einen besonderen Werth für die Mitwelt hatten. Uebrigens hätte sein altes „Heupferd" auf keinen Fall einer schnelleren Art der Fortbewegung sich anbequemt. Nichts destoweniger setzte Dr. Balthasar Kroll vulgo Dr. Naso — (manche Leute werden ihre „Studentennamen" durch ein Leben nicht losi — großen Stolz ans seine „Equipage." Irgend ein Fußgänger, elegant oder schäbig, männlichen oder weiblichen Geschlechtes brauchte ihm auf seinem Wege in eines der Dörfer nur zu begegnen, dann hielt er an und rief in seiner breiten, näselnden Manier: „Hören Sie, wollen Sie hinten aufsitzen? Ich hab' noch eine Pferde ­ decke. M'r fährt drauf wie en Kurfürscht." Manches Kind moderner Kultur, daran gewöhnt, allzu herzliche Einladungen als Zudringlichkeiten zu ignoriren, hatte ihn schon erstaunt angesehen und > war achselzuckend weitergegangen, damit den besten Theil erwählend, denn mit dem „Fahren wie ein Kurfürscht" hatte es seine eigene Be- wandtniß. Dr. Naso's Wagen wiegte sich nicht in Federn, der stolperte schlecht und recht über Stock und Stein und an der Pferdedecke war im Laufe der Jahre nur noch wenig Wolle ge ­ blieben, so daß sie das rohe Tannenbrett nicht mit schwellenden Polstern versah. Wenn der von Dr. Naso so liebenswürdig eingeladene Fahrgast auf seinem Sitze hoch emporschnellte und ebenso rücksichtslos wieder niedergeschlendert ward, dann sagte er, sein rothes Gesicht vom Kutschersitz nach dem Wagen hinwendend: „Das z stärkt die Rückenmarksnerve»! „Dabei legte er den Peitschenstiel an denjenigen Theil seines Gesichtes, welcher ihm seinen Spitznamen zu ­ gezogen hatte, eine Pantomine, die, mehr noch mit dem Zeigefinger ausgeführt, eigentlich »och an Ausdruck gewinnt und vdn Alters her ge ­ eignet schien, den Philosophen und Denkern zu dienen. Die kleine hessische Kreisstadt, in welcher Dr. Naso praktizirte, besaß außer ihm noch zwei Aerzte, welche einer neuen Aera angehörten und durch ihre Ansiedelung den alten auf längst verjährtem Standpunkt fußenden Amtsgenossen in den bild von M. Herbert. aufgeklärteil Regionen des Ortes gänzlich un ­ möglich geiiiacht hatten. „Seine Mittel", so sagte man, „sind im besten Falle unschädlich." Dr. Naso jedoch bewies sich selbst ans der Statistik, daß die Sterblichkeit seit dem Aufgang der neuen Lichter weder ab- uoch zugenommen. Er gab zu, daß man Wege gefunden, einzelne Operationen mit geringeren Schmerzen für den Patienten abzumachen; aber er sah die Nützlichkeit dieser Erfindungen nicht ein. Mit souverainer Verachtung blickte er nieder aus ein Geschlecht, das nicht mehr stark genug war, feine eigenen natürlichen oder über es verhängten Schmerzen ganz nnd gar auszukosten, welches sein Vergessen in Chloroform suchte, den Schlaf seiner Nächte von Morphium erbettelte und den Frieden seiner Tage mit Brom-Kali erkaufte. Der Doktor hatte kein Opium gebraucht, die überflüssige Wissenschaft zu vergessen, welche man ihm auf der Universität eingetrichtert. „Naturgemäß" war seine Parole; was er nicht mit kalten oder heißen Umschlägen, mit Kamillen ­ thee oder den traditionellen „gewärmten Küchen schürzen" heilen konnte, stand ihm fremd und unheimlich gegenüber. Mit den Apothekern lebte er seit frühester Jugend auf gespanntem Fuße, aber wen» er jemals Arzeneien verordnete, dann zeigten die Medicinflaschen jenen ungeheueren Umfang, der dem Bedürfniß des gewöhnlichen Mannes, der mehr auf Quantität als auf Qua ­ lität vertraut, angepaßt ist. Man erzählte sich Wunderdinge von der Ursprünglichkeit, mit welcher er seine Kuren ausführte. Man sprach davon, daß er einem Bauern einen Finger mit der Rosenscheere amputirt habe und das Küchenge- räth seiner Iunggesellenwirthschafl zu den un ­ glaublichsten Dingen verwende. Leider war Fama hier vollständig in ihrem Rechte. Dr. N.iso's äußere Erscheinung schien keines ­ wegs geeignet, diesen philisterhaft in's Einzelne gehenden Gerüchten die Spitze abzubrechen. Er war klein, mit entschiedener Anlage zur Korpu ­ lenz, die nicht gerade mit gerechtem Maße über den ganzen Körper vertheilt worden war. Mutter Natur hatte offenbar andere Absichten mit ihm gehabt; denn sein starker, wohl entwickelter Ober ­ körper saß auf kurzen, dünnen Beinen, deren Richtung auch noch in sofern auseinander ging, als das eine sich bemühte, ein „O" zu bilden, während das andere der Hälfte eines „X" zu-