7 Sie ließen, durch ihr Wiedersehen und den Wein angeheitert, alte Jugenderinnerungen an sich vorübergehen und kamen, trotz ihrer vor ­ gerückten Jahre, in jene unvergleichliche Stimmnng, wie sie nur die finden, die auf der gleichen Schul ­ bank über ihren lateinischen Extemporalien ge ­ schwitzt und ihren ersten Flammen gemeinschaft ­ lich Fensterpromenadc gemacht. „Ach was, das ist altes Unsinn", lachte Bernhard, während er seine Weste aufknöpfte und sein blühendes Gesicht mit dem Tuche kühlte, „Unsinn, was man da von der Ewigkeit einer ersten Liebe faselt, ich war gründlich ver ­ liebt, ganz gründlich in Lilli Schöne, aber gegen mein Weibchen kommt sie ja gar nicht auf." Ueber Hans Hubers schmales, durchgeistigtes Gesicht ging ein sarkastisches Lächeln. „Du hast Dich immer leicht zu trösten gewußt, Bernhard", sagte er, „wie es sich von einem Manne oer That nicht anders erwarten läßt, denn als sich die kleine Schöne damals mit dem Gardclieutenant verlobte, trugst Du Deine Liebe kampflos auf Charlotte Corday über, wie wir unseres Direktors einziges Töchterchen zu nennen pflegten." „Wahrhaftig, die Charlotte Corday, die hatte ich beinahe vergessen — was ist eigentlich aus ihr geworden.?" „Sie ist bei der Alt-Philologie geblieben, wie es der Tochter ihres Vaters geziemte, und heirathete, nach langer Brautschaft, einen Syntax- ritter von selbstbewußtester Auflage. Sie ist nie mein Geschmack gewesen." „Nein, das weiß Gott", sagte Bernhard, „auch keine Andere. Du warst ein so unzweideutiger Trobadour der Antigone, wie unsere Verbindung Eva Bosse nannte, daß ich heute noch nicht be ­ greife, wie aus dieser Titanenleidenschaft kein Ernst wurde." Hans Huber sagte nichts. Er hielt nur die Augen gesenkt und ließ krampfhaft den Kompaß seiner llhr durch die schlanken Finger gehen. „Ja, die Eva Bosse! Sie war ein schönes Mädchen, das muß man ihr lassen, schön und klug, eine wirkliche Antigone mit ihrem griechischen j Antlitz und den ernsten Herrscher-Augen — ich hätte damals darauf geschworen, sie liebe Dich." | Hans Hubers Kopf hatte sich noch um ein paar ! Linien tiefer gesenkt. > „Hochmüthig war sie freilich, wie eine Königin," ; fuhr Bernhard fort, während er eine Cigarre vom Teller nahm, sie durch den Mund zog und , gemächlich anzündete", „über die Maßen hoch- j müthig und als sie später an der Seite ihres ! reichen Gemahls so durch die Straßen fuhr, da ! hätte kein Mensch gedacht, daß sie eigentlich doch > recht künmerlich aufgewachsen sei. Aber es steckte Rasse in ihr." „Du hast sie demnach als Frau wiedergesehen? fragte Huber leise. „Freilich, freilich, sogar beinahe täglich. Sic wohnten damals in Berlin, dem physikalischen Institut gegenüber, in den« ich beschäftigt war — ein bildhübsches Weib, bei Gott, klassisch — — aber glücklich und froh schien sie auch das Geld nicht zu machen." „Wird wohl in ihrer Art gelegen haben," seufzte Huber — „es giebt so Menschen." „Ja freilich, es giebt solche. Ich war damals froh, als ich bald nachher Deine Verlobungsanzeige erhielt — denn um ehrlich zu sein, Hans, ich dachte, diese Eva säße so fest in Deinem Herzen, daß es ein Unglück geben könne." „Ein Un ­ glück" — wiederholte Hans mechanisch. „Aber Du bist ja glücklich verheirathet ge ­ wesen und somit dieser Leidenschaft Herr ge ­ worden. Schade, daß Dein Glück von so kurzer ! Dauer war." Hans Huber schwieg und sah starr in den , äußersten Winkel des Zimmers, welches mittler ­ weile ganz leer geworden war. Ob er an die erste Frau dachte, die sich in der kurzen Zeit in der er sie besessen, vergebens bemüht, ihn glücklich zu machen — oder an Eva Bosse — die Antigone, an welche sich alle blühenden Träume seiner Jugend geknüpft? „Ich war auch noch in Berlin, fuhr Bernhard, behaglich seine Cigarre dampfend, fort, als der bekannte Krach losging. Ihren Mann, ich glaube Müllee hieß er, fand man in seinem Blute im Bette, als das Gericht kam und Hab und Gut ver ­ siegelte. Die Frau verschwand dann vom Schau ­ platz, es wußte Niemand wohin — wird wohl im Elend verkommen sein." Hans Huber hatte sich erhoben und war an das Fenster getreten. Der Regen hatte aufge ­ hört und von den Zweigen der Bäume fiele» große Tropfen wie Thränen, und glänzten in der matten Beleuchtung der Nacht. Jur Elend verkommen! War es nicht im Elende gewesen — :m Elende, vor dem ihr so gegraut, wo er sie zuletzt gefunden hatte.? „Du solltest wieder heirathen, Hans, bei Gott," sagte Bernhard, der ihm gefolgt war und seine wuchtige Hand fast zärtlich auf des Freundes Schulter legte. Du glaubst nicht, wie ein so liebes Weibchen zufrieden und glücklich macht. Siehst Du, Du brauchtest auch dann nicht nach Nachstadt zu reisen und Dein Töchterchen in die Pension zu geben — ich weiß, Du trennst Dich schwer von ihm, und . . ,