10 Stieren Blickes lag der gefesselte Merwig an einem Baum, an seiner Seite sein Weib, die gramvoll in des Gatten finsteres Antlitz schaute. „Wo ist Wolnoth ?" entrang es sich dem Munde Merwigs. „Im Walde." „Dank, Heervater!" Er starrte wieder vor sich hin, stumm und finster. So eng umschnürten ihn die Riemen, daß er kein Glied rühren konnte. Die Zeit verrann, Mitternacht mochte es den Sternen nach sein, und die Römerkrieger hatte« in ihrer Wachsamkeit nachgelassen, viele schliefen, selbst den Wachen sank das Haupt ans die Brust. Die Feuer waren fast nieder gebrannt. Leise zischte es jetzt hinter dem Baume, an welchem Merwig und sein Weib lagen. Fun ­ kelnden Blickes hob er das Haupt bei dem Laute, und ein nur in nächster Nähe vernehmbarer Zisch ­ laut fuhr auch ihm über die Lippe. „Atta", flüsterte es leise aus dem Dunkel hinter ihm, „hörst Du?" „Ich höre, sprich," klang es nahe leise zurück, während Merwig's Auge spähend über die lagernden Römer hinfuhr. Theuda lauschte, wie er, den leisen Lauten erregt. „Es ist der Knabe," sprach sie, und Mut ­ ter glückstrahlte aus dem Angesicht. Hinter dein Baume lag im tiefen Schatten, gleich einer Schlange lautlos heran gekrochen, Wolnoth. . „Ich will Dich frei machen, Atta, Dich und die Mutter." „Vergeblich ist's Kind. Wir liegen in Banden unzerreißbar und dort stehen die Wächter." „Was soll ich thun?" Eine kurze Weile sah Merwig vor sich hin, und in seinen rauhen Zügen zuckte es. Dann neigte er sich zu seines Weibes Ohr und flüsterte: „Er muß es thun, Theuda!". Diese fuhr zusammen und stammelte: „Es ist der Tod, Merwig." - Der Mann neigte das Haupt und athmete schwer. Nach einer Weile fuhr er fort: „Soll das Chattenvolk sagen, der Wächter am kahlen Hügel schlief als der Feind kam? Soll Merwig's Name entehrt sein für alle Zeit? Schmach auf seinem Sohne lasten? Soll ich zu Hel ins Nebelreich hinab, befleckt mit dem Blute derer, welche durch meine Schuld dem Römerschwerte fallen? Willst Du das, Weib? Sprich!" Die Frau zitterte, wollte sprechen und vermochte es nicht, endlich flüsterte sie tonlos noch einmal: „Es ist der Tod, Merwig." „Und ist's der Tod, so geht er zu Walhall und erwartet seinen Vater dort unter Einherien. Er soll nicht lange harren." Stumm blieb Theuda, ihre Seele rang in gewaltigem Schmerz. Da sprach Merwig: „Es muß sein, Theuda, es ist für's Chattenland." Da nickte die Frau und hob dann die ge ­ fesselten Hände vor das Antlitz. „Wolnoth", flüsterte Merwig, sich langsam nach der Seite des Baumes neigend, wo der Knabe lag, „höre!" „Wolnoth hört", flüsterte dieser. „Dort an der Hütte der Wächter, der beim Feuer schläft, leise schleiche zu ihm." „Ja Atta." „Du kennst die Fichte neben dem großen Stein, ihre Aeste reichen bis zur Erde. Hörst Du? „Ich höre." „Oben im Wipfel liege» Reisig und Kienspahn, ich und Deine Mutter wissen es allein. Hörst Du?" „Ich höre. „Nimm ans dem Feuer dort Gluth, verbirg sie unter Deinein Gewand, doch so, daß sie nicht erlischt, schleiche zur Fichte wie der Fuchs, so lange Dich Niemand bemerkt, entdeckt man Dich, springe wie der Hirsch, klettere empor und fache die Flamme an." Es verging Zeit ehe der Knabe antwortete. „Nun, Wolnoth? „Sie werden mich tödten, Vater." Theuda stöhnte. „Der Feind ist da. Soll das Chattenvolk zu Grunde gehen, dein Vater in Schmach sterben, Sohn Merwigs?" Ein Windstoß fuhr durch die Bäunie; zwischen den zerissenen Wolken leuchtete ein glänzender Stern hernieder. Leise klang des Knaben Stimme: „Ich will es thun, Vater." „Es halte Heervater seinen Speer vor Dir."