328 Das Schwert Karins des Großen. In dem oberhessischen Städtchen Alsfeld spielte sich Mitte der fünfziger Jahre ein heiterer Vorfall ab, der heute noch im Volksmunde weiterlebt. Be ­ sagtem Städtchen war die Ehre eines landes ­ herrlichen Besuches angekündigt worden, und männig- lich freute sich darüber. Der Bürgermeister R. hatte an dem festlichen Tage die Ehre, den Groß ­ herzog bei der Besichtigung des mittelalterlichen, schönen Rathhauses führen und ihm die daselbst aufbewahrten werthvollen Alterthümer, darunter ein prachtvolles Missale mit herrlichen Initialen itub kostbarer Malerei, sowie ein altes Schwert mit seltener Ziselierarbeit, das die Sage Karl dem Großen zuschreibt, vorzeigen zu dürfen. Dieser Stolz der Sammlung bildete auch zugleich den Schluß, und im Gefühle der Bedeutung des Augen ­ blickes zog der Bürgermeister mit den Worten: „Das Schwert Karl's des Großen" kühn die Klinge. Und siehe da! Blank wie ein Spiegel, als hätte es eben die Werkstätte verlassen, leuchtete das zu Ehren des hohen Besuches vorher geschlissene Schwert dem Landesvater entgegen. — „Welcher E.. l hat das Schwert schleifen lassen?" „Ich, königliche Hoheit", war die prompte Antwort des Bürgermeisters. W. Zu Vorstehendem bemerken wir, daß die Sache historisch ist; sie hat sich unter dem Großherzog Ludwig III. zugetragen und wird von Ferd. Dieffen- bach in dessen Werke „Das Großherzogtum Hessen" S. 476 mitgetheilt. Geschichtliche Forscher be ­ zweifeln, daß das Schwert von Karl bent Großen herrühre, führen es vielmehr auf Lothar von Sachsen zurück. Uebrigens wäre später den Alsseldern beinahe ein noch viel schlimmerer Streich als die Schleifung der Klinge passirt. Sie hatten in den achtziger Jahren den Beschluß gefaßt, ihr Rathhaus, das allerdings starke Spuren des Verfalls zeigte, niederzureißen und einen Neubau an seine Stelle zu setzen. Die Verwaltungsbehörde legte sich in's Mittel, sodaß die Ausführung des Beschlusses unterblieb. Das außen ganz, im Innern theilweise wiederhergestellte alte Rathhaus ist eine Perle mittelalterlicher Holzbaukunst nnb hat wenige seines Gleichen in Deutschland. Red. d. „H.-L." Alte Notizen. Ein Freund unseres Blattes schreibt uns: „Auf ben freien Blättern einer mir gehörigen Ausgabe der griechischen Anthologie (Venedig 1550) sind voll verschiedenen Händen Eintragungen gemacht worden. Dem 17. Jahr ­ hundert, wie ich taxire, gehört die folgende all, deren Schreiber — nach einer anderen Notiz — in Leipzig lebte: (1.) Es stehet geschrieben Das ihr sechs oder sieben Nicht alle anff einen lotsen harren Sondern essen u. des Narren vergessen. (2.) in Landt Hessen seindt die meise wolgemessen, und harte betten und wenig zu fressen. Das letzte der beiden priamelnartigen Gedichte, das allein für die Leser Interesse haben wird, ist inhaltlich mit jetzt noch in Umlauf befindlichen zusammenzustellen, das erste bezieht sich, scheint es, aus einen Schmaus, bei dem man einen der Ge ­ ladenen vermißt." Dr. W. U. in Berlin. Aus Hermath und Fremde. Am 9. d. M. feierte Dr. Karl Weismann, Oberschulrath und Gymnasialdirektor a. D. zu Koburg, seinen 80. Geburtstag. Ist Weismann auch kein geborener Hesse, lebt er auch seit Auf ­ gehen des Kurstaates in Preußen in dem benach ­ barten Thüringen, so nehmen wir ihn doch als einen der Unseren, als einen unserer Besten in Anspruch. Denn er hat ein Menschenalter hindurch in hohem Segen int Hessenland gewirkt, vielen Hunderten von Schülern seinen geistvollen Unter ­ richt im Delltschen zu Theil werden lassen, vor Allem aber sie eingeführt in die wunderbaren Schatz ­ kammern der klassischen Literatur. Wer denkt nicht mit Entzücken zurück an die unübertrefflichen Inter ­ pretationen und Uebersetzungen der griechischen Dramen, an Weismann's Ajas- und Antigone- Stunden ! Weismann ist geborener Frankfurter. Er ftnbirte von 1832 — 35 in Marburg, war einige Monate Lehrer an einem Privatinstitut zu Heidelberg, er ­ hielt aber schon Ende 1835 eene Berufung an das Rinteler Gymnasium. Hier wirkte er bis zuul Jahre 1846. Seine segensreichste Thätigkeit aber entfaltete er darnach während eines 20jührigen Wirkens am Gymnasium zu Fulda. Er und fein bereits im Jahre 1891 dahingeschiedener Freund Professor Dr. Gies*) waren die weithinstrahlenden Leuchten der alten Rhabannsschule. Auch der in diesen Tagen verstorbene damalige Obergerichtsrath G a n s l a n d t gehörte den: Weismann - Gies'schen Freundeskreise an. Im Jahre 1866 nach Koburg berufen, erhielt Weismauu das Direktorat des alten Gymnasium Casimirianum. Es erfreute sich 21 Jahre lang der Leitung Weismann's und gelangte zu hoher Blüthe. Weismann wurde 1878 durch den Titel *) Vergl. „Hessenland" 1891, Nr. 5 und 6.