325 ir „Wirklich?" „In der That. Es ist deshalb auch gut, daß sie auf Ihre Ankunft vorbereitet ist, denn eine so große unerwartete Freude könnte ihr krankes Herz wohl kaum noch aushalten. Sobald sie erwacht sein wird, zünde ich dort das Bäumchen an, bereite sie drin erst ein wenig vor mib bescheere Sie dann als eben eingetroffenes Christ ­ kindchen." „Ordnen Sie Alles an, wie es Ihnen am besten dünkt", erwiderte Doktor Lebrecht. Dann glitt sein Blick durch das trauliche Stübchen mit den kunstvoll gehäkelten Gardinen, den vielen weißen Deckchen, den alten verblaßten Photo ­ graphien und den unmoderne», aber glänzend polirten Möbeln, und er setzte noch hinzu: „Jetzt, wo ich nach Jahren einmal wieder in diesem Raume weile, kommt mir Alles, was da ­ zwischen liegt, wie ein Traum vor. Ich habe viel im Leben erfahren und kennen gelernt, habe viel Schönes genossen, aber Besseres, wie mir hier zu Theil wurde, habe ich nie wieder gefunden." „Ich auch nicht, Herr Doktor, der Gedanke an dies Stübchen und an Mamsell Getrud waren immer ein Stückchen blauen Himmels für mich, wenn sonst trübe Wolken über meinem Leben hingen. Hütte ich mich nicht manchmal in dies Eldorado flüchten können, ich wäre nicht so muthig geblieben und oft im harten Kampf des Daseins flügellahm geworden." „Es ist Ihnen gerade gegangen wie mir! Auch ich habe mich an die alten Erinnerungen angeklammert und sie nach dem Zusammensturz vieler Ideale meinen letzten Himmelsrest genannt. Wir waren einst beide unglücklich, Jeder von uns in seiner Art, aber hier wurde unseren armen verhungerten Herzen immer wieder Liebe in reichem Maße bescheert. Lassen Sie uns heute gemeinsam recht glückliche Weihnachten feiern, Fräulein Klara! Wir wollen nicht an die trüben Schatten denken, welche die Zukunft voraus ­ wirft, und wieder einmal ein Paar harmlose Kinder sein, die noch an Weihnachtswunder glauben." Er sagte dies in großer Erregung und streckte ihr die Rechte entgegen. Sie legte die ihrige hinein und versetzte mit jener schönen Unbefangen ­ heit, durch die eiu selbstloses, von persönlicher Eitelkeit vollkommen freies 'Gemüth schimmerte: „Ja, das wollen wir, Herr Doktor. Was auch später werden mag, es wird Ihnen in Ihrem reichen Dasein und mir in meinem stillen Wirken eine freundliche Erinnerung bleiben, de» Himmelsrest aus der Kindheit noch einmal gemeinsam mit Mamsell Gertrud verlebt zu haben." Eine Viertelstunde später brannte das Bäumchen, in der alterthümlichen kleinen Stube saß eine eingesunkene alte Frau mit unmoderner Falbel ­ haube, schneeweißen Haaren, doch jugendlich glänzenden Augen neben Doktor Lebrecht auf dem Sopha und schlang ein über's andere Mal die Arme um seine kräftige Gestalt. Als ihn Mamsell Gertrud zuerst nach so langer, langer Zeit wiedersah, wollten ihr die Thränen gewalt ­ sam aus den Augen springen, aber sie kniff sie fest zusammen und schüttelte in innerem Unwillen den Kopf: „Nor küä Geflenn, nor küä Geflcnn, Ihr laiwe goute Kinner!" rief sie dann in der nie verleugneten Marburger Mundart. „Merr verderbt säch un Annere die schennste Stunn dermit. Ach, Du laiwes Gottche in Deim Thron, un's Lewe gitt so schnell voriwwer." Heiter verfloß denn auch der Weihnachtsabend, Mamsell Gertrud plauderte lustig wie eine Gesunde und mußte oft ermahnt werden, sich zu schonen und nicht zu sehr anzustrengen. „Löß maich nor gieh, los; maich nor gieh, Hans!" rief sie, als Doktor Lebrecht wieder einmal diese Mahnung besorgt an sie richtete. „Wos leiht dann nu d'ran, ob's e Winker früiher oder später mit merr ze Enn gitt! Ich hab Eich zwäü so scheu zesamme Widder bei merr gehabt, un e greßer Glick kann merr des liewe Chriskinnche nit beschere. Alles Annere denk ich merr, ich sein nit so dumm, wie ich aussehe." Mamsell Gertrud schmunzelte und ließ ihr freundliches Auge so wohlgefällig ttiib bedeutungsvoll von dem Doktor auf das junge Mädchen gleiten, daß ihr dieser, einem heißen Herzensbedürfniß nachgebend, unwillkürlich dank ­ bar die Hand drückte, während Klara zum ersten ­ male ihre Harmlosigkeit verlor und über und über roth wurde. — Eiu Jahr war vergangen. Wieder hielt der heilige Christ den Einzug in die Häuser und in die Herzen, wieder zogen die Gedanken vieler Tausende am heiligen Abend aus der Fremde in die Heimath, in das Vaterhaus und in die Stube, wo ihnen nnter'm Weihnachtsbaum die heiligsten Freuden der Kindheit erblühten. Am Fenster einer Villa, deren schönsten Raum das Kerzengeflimmer einer deutschen Tanne durch ­ strahlte, stand eng verschlungen und in seligem Glück ein junges Paar. Der Abendhauch trug den Duft der Orangen durch die offenen Flügel, Rosen rankten am Spalier des Hauses hinauf, das Meer, von dem tiefblauen Sternenhimmel überwölbt, rauschte leise unter den Fenstern und schillerte weit hinaus wie eine riesige, unter leichter versilberter Hülle melodisch bewegte Flüche. Es war einer jener wunderbaren Abende, wie sie