323 als daß er in jener Zeit an eine Entfernung von seinem Posten hätte denken können. Und dann — ja dann beging er den größten Irr ­ thum seines Lebens und heirathete die bildschöne, aber herzlose Genueserin, die in dem ernsten, auf ­ opferungsreichen Leben eines vielbeschäftigten Arztes ein Hinderniß sah, um so das Dasein ge ­ nießen zu können, wie es ihrer sinnlich ober ­ flächlichen Natur entsprach. Obwohl ihm die Frau das Schwerste anthat und ihn mit einem faden unbedeutenden Menschen betrog, hatte er ihr doch längst verziehen. Sie mußte ja schwer für ihre Schuld büßen, ging früh an ihrer Leidenschaft zu Grunde, während er nach ihrem und seines heißgeliebten Kindes Tod ein neues, wenn auch vereinsamtes, aber doch friedliches Leben begann. Doktor Hans Lebrecht täuschte sich zwar nicht darüber, daß er im Rausche der Verblendung, der ihn einst an das reizende Geschöpf kettete, sich selbst und seinen besseren Grundsätzen untreu wurde und das Verhüngniß in seiner Ehe mit- anbahnen half, allein jene schmerzlichen Enttäusch ­ ungen hatten doch einen Rest von Bitterkeit in ihm zurückgelassen, der durch den Verlust des einzigen Kindes keineswegs gemildert, vielmehr oft noch verschärft wurde. Der Mann glaubte an kein dauerndes Glück mehr, es wurde ihm schwer, edle Absichten, augenscheinlich tiefe Ge ­ fühle für echt und wahr zu halten. Zwar störte er nie die gute Meinung, den frommen Wahn der Anderen, allein sein Urtheil war sehr skeptisch geworden. Meist mußte er mühsam ein spötti ­ sches Lächeln unterdrücken, wenn man eine glück ­ liche Ehe oder sonstige auf edlen uneigen ­ nützigen Empfindungen beruhende Verhältnisse der Menschen zu einander pries. Seine Anhäng ­ lichkeit an die alte Mamsell Gertrud, sein un ­ erschütterlicher Glaube an Alles, was sie einst aus mitleidigein guten Herzen an ihm that, war, wie er selbst sagte, der letzte Himmelsrest, der nach allen verflatterten Jugendträumen, nach dem jähen Sturze aus den Wolken trügerischen Glückes in seinem Inneren zurückgeblieben war. — Langsam stieg Doktor Hans Lebrecht die Berg ­ straßen hinan, während die Glocken läuteten und da und dort in den Stuben die Christbäume angezündet wurden. Immer wieder kam es ihm vor, als umfange ihn ein schöner Traum, doch, da er endlich vor dem Häuschen mit dem vorgebauten Giebel stand und ans den blanken Messingknopf der Thür drückte, da durchrauschte ihn das Bewußtsein beseligender Wirklichkeit so wohlig, wie der Frühlingswind Flur und Wald. Der versunkene Himmelsrest begann sich immer mehr in ihm zu beleben. Wie Blüthen erschlossen sich Erinnerungen auf Erinnerungen, wie strah ­ lende Lichter huschten längst verblaßte Bilder an ihm vorüber. Plötzlich sah er auch das arme schlanke Nachbarskind mit dem blassen feinen Gesichtchen und den ernsten schönen Augen wieder vor sich. Gleich ihm selbst, so fand auch einst Klara bei der alten Jungfer eine Zufluchtsstätte, wenn ihr die gemeine Verwandtschaft den Rücken blau geschlagen oder den Stachel der Bosheit in das fein empfindende Gemüth gedrückt hatte. Wo mochte das begabte ernste Kind hingekommen sein? Hatte es sich durchgerungen durch den Schutt, mit dem man sein Wachsthum zu hemmen suchte, oder war es, wie viele solcher armen elternlosen Geschöpfe, an der Bestialität der Menschen zu Grunde gegangen? Lebrecht wunderte sich über sich selbst, daß er im schweren Daseinskämpfe Klara's Spur ganz verlor und seit Jahren nicht mehr an sie dachte. Jedes Menschenherz hat eben auch seine Geologie! Es bildet sich Schicht in ihm ans Schicht, und es müssen schon mächtige Erschütterungen stattfinden, ehe versunkene Ein ­ drücke wieder an's Licht steigen können. Wie glücklich war Doktor Hans Lebrecht darüber, seinem Ziel so nahe zu sein und endlich einmal wieder die rechte Antwort auf alle in ihm drän ­ genden und treibenden Fragen erwarten zu dürfen. •* , * „Sie schläft also fest?" „Ja, und wecken möchte ich Mamsell Gertrud auch nicht gerne, weil sie in den letzten Nächten kaum ein Auge zuthat." „O, daran ist gar nicht zu denken, mein Fräu ­ lein", versetzte Doktor Lebrecht betroffen, dabei die hohe graziöse Gestalt der jungen Dame streifend. „Aber ich darf vielleicht hier verweilen, bis Mamsell Gertrud erwacht?" „Gewiß, wenn Sie sich mit meiner Gesellschaft begnügen wollen", gab das Fräulein zurück und bot ihm einen Stuhl an. Dann nahm sie ihm gegenüber Platz und fragte noch lächelnd: „Sie kennen mich wohl nicht wieder, Herr Doktor?" „Ich besinne mich vergeblich", entgegnete der Angeredete. Zwar glaubte er iu dein schönen durchgeistigten Antlitz Klara's Züge zu erkennen, allein die eleganten Bewegungen der jungen Dame, ihre seine Art und Weise deuteten jedoch auf eine andere Abkunft als diejenige eines armen Kindes aus dem Volke hin. „Dann muß ich Ihrem Gedächtniß zu Hülse kommen", meinte sie liebenswürdig. „Erinnern Sie sich nicht inehr eines kleinen Mädchens aus der Nachbarschaft, das sich bei Mamsell Gertrud Alles