302 Auch eine Meise ins mittägige Frankreich Vvn Otto Gcrland. (Fortsetzung.) „Schon am Tag unserer Ankunft war das Haus mit Besuchen überlaufen, man hatte von der Ankunft einer Deutschen gesprochen, nun war sie da, man mußte sie sehen; hat sie wohl eine menschliche Gestalt, wie ist ihr Aenßeres, wie ist sie gekleidet ? Endlich geht's los. Ich hatte mich keineswegs zurecht gemacht, als sie kamen, in einem Zug drei Stunden lang am Vormittag, man hatte gar keine Zeit, sich gewählt anzukleiden, und ich hatte auch geglaubt, diesen Tag vom Dekorationswechsel befreit zu sein. Im Reisekleid empfing ich daher die Neugierigen, die, weil sie wußten, daß wir von Paris gekommen waren, die von mir mitgebrachten Hauben und Kleider zu sehe» begehrten. Ich glaubte sie zufrieden stellen zu müssen, man wünscht ja das Wohl ­ wollen der Leute zu erwerbe», unter denen man einige Zeit verweilen muß, namentlich, wenn es nichts weiter kostet als ei» paar Koffer zu offnen. Beim Anblick meines Mäntelchens schrieen sie Alle laut ans, es wäre nicht lang genug, und man trüge ein derartiges hier nicht. .Das kann ja sein, aber das meinige ist zu Paris verfertigt, und Paris giebt den Ton für die Provinzen an? Diese kühl ausgesprochenen Worte machten dem Aburtheilen ein Ende, und so wurden meine Hauben und alles klebrige als geschmackvoll befunden. Ich entnahm aus den Unterhaltungen mit diesen Damen, daß man spielen müsse, um hier will ­ kommen zu sein. Die Spielwuth hat alle Bewohner Montaubans besessen, vor Allem die Frauen. Die Einwohner zerfallen hier in drei Klassen. Die erste umfaßt die feinste Gesellschaft, daH sind die von ihrer Abstammung her vornehmen Familien wie Marquis, Grafen, die Beamten, die Bürger ­ lichen, welche durch ihre Stellung als Sekretäre des Königs oder Schatzmeister von Frankreich hervorragen, diejenigen, welche von ihrem Ver ­ mögen leben, und die Abbes, die sich überall hinzudrängen; diese verschiedenen Stünde ver ­ kehren mit einander, das Spiel vollendet ihre Verbindung. Dieser Klasse gesellen sich noch die Großkaufleute zu, die aber darin doch immer eine eigene Gesellschaft gegenüber den so viel ivie möglich unter sich zusammenhaltenden Beamten bilden. Die zweite Klasse besteht aus den übrigen Geschäftsleuten, die eine Gesellschaft für sich bilden und niemals in der großen Welt, wie man hier sagt, sind, obgleich sie wohl in der Lage wären, die entsprechenden Ausgaben zu be ­ streiten, und sie auch wirklich machen. Denn sie besitzen besser eingerichtete Häuser und moderner und besser gebaute Landhäuser als die Glieder der ersten Klasse, haben Wagen und Pferde, Schmucksachen u. dgl. Endlich kommt die große Menge der Handwerker, so zahlreich, daß man ans 4000 Einwohner 3800 vvn ihnen rechnet. Man könnte dreist noch eine vierte Klasse aus den Bettlern und Nichtsthuern beiderlei Geschlechts bilden, von denen alle Spaziergänge und Straßen voll sind, und die die Häuser zu allen Tages ­ zeiten belagern; das hat man aber bis jetzt noch nicht gethan. Die große Welt versammelt sich viermal in der Woche bei einer Frau De la Mothe, welche spielen läßt und ans den Ein ­ künften des Spieltisches ein großes Vermögen gesammelt hat, das sich täglich noch vermehrt. Die Zusammenkünfte nennt man Sümpfe (marais). Die Geschäftsleute haben auch einen derartigen Versammlungsort, den man Ellensumpf (marais de Tanne) nennt. Es giebt noch zwei solche Spiel- stätten für die große Welt, die man Sümpfchen (marillons) nennt, weil sie nicht so zahlreich wie die erstgenannten sind; den einen unterhält eine Frau Cadas, den andern unterhält eine Frau de Genibrall. Man beschuldigt die hiesigen Damen, beim Spiel etwas spitzbübisch zu sein. Man hat nicht geruht, bis ich in der großen Welt eingeführt war, da ich mich aber nicht leicht ergebe, so wollte ich erst die Personen kennen lernen, ehe ich eine Art von Verbindung einging; was ich aber von den meisten dieser Damen kennen gelernt habe, hat mich bis in's Innerste von ihrer Gesellschaft abgeschreckt. Es ist eine Kleinigkeit für eine Frau der großen Welt, fünf oder sechs Männer auf ihrer Rechnung zu haben, eine Frau mit nur einem „Sigisbee" ist sehr bescheiden, auch übt sich die Feder der Männer darin, eine solche in Spottliedern, anonymen Briefen und satyrischen Versen zu kritisiren. Die Fremden haben den Vorzug, vvn den Anek ­ doten der Stadt besser unterrichtet zu sein, so weiß ich, Gott sei Dank, alle Skandalgeschichten vvn ganz Montauban auswendig. Man urteile, ob ich bei einer solchen Erkenntniß und bei meiner Abneigung gegen das Spiel wohl versucht war, die große Welt zu sehen, wo man nur wohl aufgenommen ist unter dem Schutz eines Whist oder eines Reversis, Brelan, Piquet oder ans Duldung einer Partie Schach. Unter Führung