294 Der Landgraf Wilhelm IX. hatte einen Haß gegen Frankreich und Alles, was französisch war. Runde Hüte. Backenbärte lind lange Hosen zu tragen war verboten. Gleichermaßen hegte der Regent bittern Haß gegen Napoleon. Mitunter gab es kleine Komödien, z. B. als im Jahr 1805 Bernadotte mit seinem Korps aus dem Hanauischen durch Hessen marschieren wollte, that man hier zwei Tage gewaltig grimmig. Beurlaubte wurden einberufen, Kanonen ans die Wälle gefahren, Befehle an alle Kommandirenden ertheilt, sich bis auf den letzten Mann zu wehren n. dergl. Nach zwei Tagen war die Komödie aus, die Einberufenen gingen wieder nach Haus. Bald darauf wurde hessisches und preußisches Militär mobil gemacht. Man irrte mit Sack und Pack umher ohne allen Zweck und zog, ohne Pulver gerochen zu haben, wieder heim. Diese Kampagne wurde die „Dreckkampagne" genannt. Eher kann man wohl dem Verfasser Recht geben, wenn er den Versuch des Kurfürsten, im Jahre 1806 neutral zu bleiben, verurtheilt. Er hält diesen Versuch für Thorheit und Unsinn. Allein, da er selbst keine hohe Meinung von dem preußischen Heer hatte und eine noch geringere von dem hessischen, konnte er den un ­ günstigen Ansgang trotz des Zusammengehens mit Preußen voraussehen. Die Entscheidung war also eine sehr schwierige. Auf der einen Seite voraussichtlich Niederlage, auf der anderen zwar Sieg, aber zugleich Schimpf und Schande. Wir sind auch nur zu sehr geneigt, einen ein ­ geschlagenen Weg nach dem Erfolg zu beurtheilen. Immerhin ist es bemerkenswertst, was der Ver ­ fasser bezüglich eines entschlossenen Widerstandes sagt: „Was würde ich als Minister gethan haben? .Jetzt, Eure kurfürstliche Durchlaucht, ist der Zeitpunkt da,' würde ich gesagt haben, ,wo man der Nachwelt beweisen kann, daß noch nicht aller Muth, alle Entschlossenheit im Anfang des 19. Jahrhunderts aus Deutschland verbannt war. Auf, wir wollen versammeln, was wir versam ­ meln können! Wir sind in einer verzweiflungs ­ vollen Lage, lassen Sie uns auch wie Verzweifelte handeln ! Es ist möglich noch etwas zu gewinnen, und wenn auch nicht, so ist ein ehrenvoller Tod einem schimpflichen Leben vorzuziehen?" Er meint, die nöthige Zahl Truppen wäre in Eile zusammenzubringen gewesen. „Mortier müßte nicht bloß geschlagen, er müßte aufgefressen werden." Auch mit den aus Norden an ­ rückenden Holländern wäre man fertig geworden. „Hessische Männer! (Die Soldaten waren sonst gewohnt zu hören: Verdammter Kerl! oder: Verfluchter Kerl,' was hat er wieder für einen Zopf!) „ich habe Alles gethan, meinem Lande den Frieden zu sichern. Allein Alles ist umsonst gewesen. Auf, laßt uns zeigen, daß wir noch die Nachkommen jener heldenmüthigen Hessen sind, die im siebenjährigen Krieg unb in Amerika der Schrecken Frankreichs waren. Wir können fallen. Allein, was ist besser und wünschens- werther, nach jahrelanger Knechtschaft dahin ­ schmachten oder jetzt ans dem Schlachtfeld für Ehre und Freiheit rühmlich zu verbluten? — Kein Prinz von Hessen wird das Land unserer Väter verlassen. Hier wollen wir begraben sein — oder siegen. Unser Blut, unser Leben gehört dem Vaterland, dem wir unsern Glanz verdanken. Auf! und wenn wir alle fallen, ein ewiger Ruhm, der Hessen schönster Lohn, ist unser Theil." Das wäre ein ehrenvoller Ausgang gewesen nach dem Urtheil des Verfassers. Statt dessen eilige Flucht aus dein Lande. An den Kaiser Napoleon hat sich der Kurfürst gleich schriftlich gewandt und um Wiedereinsetzung in sein Land gebeten. Eine Antwort darauf ist nicht erfolgt. Wieviel hätte der Kurfürst mit dem hessischen Militär ausrichten können, wenn er nicht den Gamaschendienst zur Hauptsache gemacht hätte. Der Verfasser spendet den hessischen Truppen, die in fast allen Kriegen der großen Mächte seit Jahrhunderten mitgekämpft haben, das gebührende Lob: „Sie haben sich stets brav gehalten und die Achtung der ganzen Welt erworben. Das hessische Militär war verhältnißmäßig ungeheuer stark, svdaß aus den geringeren Ständen beinahe jeder, der kein Krüppel war, Soldat werden mußte. Selten fand man einen Bürger oder Bauer, der nicht in seinen früheren Jahren Feldzüge mitgemacht datte. Durch das Andenken an ruhmvolle Thaten, durch die Erzählung von Schlachten und Siegen, die der Knabe schon in zarter Jugend aus dem Munde seines Vaters oder Großvaters, der selbst dabei gewesen war und mitgesochten, der sich daran mit leuchtenden Augen, mit geheimem Stolz erinnerte, besonders wenn er in einer Narbe ein Ehrendenkmal auf ­ zeigen konnte, vernahm, hatte sich der ganzen Nation ein kriegerischer Geist im höchsten Grade mitgetheilt. Die Buben, sobald sie laufen konnten, spielten Soldaten. Ein hölzerner Säbel, eine Flinte, Trompete, Trommel u. dergl. war das liebste Christtagsgeschenk, eine Grenadier- oder Husarenkappe von Zuckerpapier die schönste Zierde. Ueberdies war das hessische Volk ein gesunder und starker Menschenschlag, durch frühe Arbeit und Entbehrung abgehärtet und daher zu den Strapazen des Krieges sehr geschickt. Hier fand