291 nur eine für die Eitelkeit Ludwig's XIV. charakte ­ ristische Stutzuhr erwähnt werden: ehe sie die Stunde schlug, bewegte ein kleiner Hahn die gol ­ denen Flügel, krähte dreimal, und dann öffnete sich ein zweiflügeliges goldenes Thor, aus dem Ludwig XIV. zu Pferd herauskam, über ihm schwebend der ihn krönende Ruhm, dann schlug die Uhr, und es ertönte ein Glockenspiel. Dann waren die Reisenden beim Mittagsmahl des Grafen von Artois, der Frau Dauphine*) und einiger Prinzessinnen zugegen. „Das der Frau Gräfin von Provence versäumten wir, aber bei ihrer Rückkehr vom Speisen ging sie so nahe an uns vorüber, daß wir Zeit hatten, sie bequem zu sehen. Die Frau Dauphine ist Alles, was man Liebenswürdiges und Unmuthiges sehen kann, mehr artig als schön, sie hat einen interessanten, jedermann zusagenden Gesichtsausdruck. Als wir von da wieder in den Hof hinabstiegen, sahen wir Madame Du Barry, die sich in ihren Neu ­ bau tragen ließ, um dessen Fortschritte zu sehen." Die Reisenden besahen dann noch die übrigen Sehenswürdigkeiten, auch das nach der Angabe der Marquise von Pompadour erbaute Wachthaus der Schweizergarde, das in seinem Aeußeren ein Mau und weiß gestreiftes Zelt nachahmte, begeg ­ neten auch nochmals die Frau Dauphine, welche in eine rosa Pekesche gekleidet und mit einem Rohrstock in der Hand ihren Arm dem eben von der Jagd zurückgekehrten Grafen von Provence gegeben hatte. Der allgemeine Eindruck von Ver ­ sailles war kein günstiger: „man läßt an diesem schönen Ort Alles verkommen, man macht kaum die gröbsten Ausbesserungen. Die Bäume der Orangerie haben ein gelbes und krankes Aus ­ sehen. Jedermann ohne Ausnahme, Stiefelputzer, Mägde, Kinder, Alles hat Zutritt zu den Ver ­ sailler Gärten, fast jeder hat Schlüssel zu den Bosquets und dein Labyrinth, und die Freundin ­ nen gehen mit ihren Arbeiten hin, indem sic die Kinder beaufsichtigen. Die Schildwachen sagen niemals: es kommt niemand durch; alle Welt geht dort spazieren, man hält das für selbstver ­ ständlich." Während unsere Berichterstatterin in Paris kaum auf die Straße gehen konnte, ohne deutsch sprechen zu hören, fürchtete sie nun mit Recht, als die Weiterreise nach dem Süden angetreten werden sollte, ihre Muttersprache nur noch dann reden zu hören, wenn sie selbst sie spreche. Die Reisenden kauften sich ein leichtes Kabriolet, vor welches Postpferde gespannt wurden, und nahmen nur das nöthigste Handgepäck mit. *) Marie Antoinette. Die Koffer wurden der Frachtpost übergeben, welche für die Fahrt vierzehn Tage gebrauchte, während die Reisenden selbst höchstens eine Woche nöthig hatten, uni ihr Ziel zu erreichen. Am Eingang zum Forst von Orleans erblickten sie erst Räder, ans deren jedem ein Geradbrechter lag; zur Sicherung der Landstraße waren auf jeder Seite der Straße die Bäume 300 Schritt weit abgehauen. Wir folgen dann unsereit Rei ­ senden eine lange Strecke lang durch Orte, welche durch die Heldenthaten unserer Brüder im Jahre 1870 geweiht sind, und hören die Namen Orleans, Gien, Chatillon, Blois, Romorantin, La Fertv, Vierzon. In Orleans bewunderten sie die zu der Loirebrücke, damals der größten und schönsten in Frankreich, führende Königstraße, an welcher der König jederseits eine Reihe von Häuser ­ fassaden, „iin Stile von Badepavillons", im Erdgeschoß mit Bogengängen und eigens zu Läden eingerichtet, erbaut und dann den Leuten, welche die dahinter liegenden Häuser kaufen woll ­ ten, geschenkt hatte. In La Fertö sahen sie ein schönes Schloß mit einer Zugbrücke xtnb einem mit Bildsäulen, Vasen und Buchenhecken ver ­ zierten Garten. Hinter Vierzon führte der Weg durch die vollständig unangebaute, selbst baumlose Ebene von Vatan, dann ans schlechten Wegen durch einen Theil des Poitou, wo die Reisenden die Richtigkeit der Redeweise kennen lernten, die der Franzose gebraucht, um anzudeuten, daß er Jemandem nicht das geben wolle, um was er bittet, indem er sagt: Ich will Dir das Poitou geben. In der Provinz Limousin bewiesen die Land ­ straßen die treffliche Verwaltung des Jntendanteu der Provinz, Turgot, die so sehr aller Augen aus diesen Mann zog, daß er später Fiuanz- minister wurde, weil ganz Frankreich auf ihn die größten, wenn auch unter den damaligen Ver ­ hältnissen vergeblichen Hoffnungen setzte. Durch zum Theil fast unbewohnte Gegenden, über steile Berge und durch tiefe Thäler, die breiten Ströme mittels Fähren übersetzend, gelangten sie bei dem in einem tiefen Thalkessel liegenden Cahors in die Weinbau treibenden Gegenden und erreichten endlich, nachdem sie lange Strecken eintöniger Felder durchfahren hatten, in welchen nur ein ­ zelne zerstreute Meiereien lagen, ihr erstes Reise ­ ziel, Montauban, wo sie sich aber zunächst nicht lange aufhielten, weil dort ein heftiges Fanl- fieber herrschte; die nicht geringe Sterblichkeit, verbunden mit der Sitte, um die entferntesten Verwandten und Verschwägerten, z. B. die Schwä ­ gerin des Schwagers, und dann drei Jahre lang Trauer anzulegen, ließen den größten Theil der