282 Wmdmannsheil! Von Frida Storck. ^^s war zu der Zeit, da die Eisenbahnen jls , noch nicht lange das Land durchkreuzten. Oj Auf dem stattlichen Bahnhof der Residenz- stadt Kassel hastete eine ältliche Dame ängstlich von einem Wagen zum andern. Hinter ihr, mit übermüthig lächelndem Angesicht, ward ihre Nichte Gertrud sichtbar, die Fräulein Walburg, ehr- und tugendsame Schwester des Forstinspektors Eichner, laut Gelobnist unversehrt an Leib und Seele im heimischen Forsthof abzuliefern hatte. „Nein, ist das eine Ungemüthlichkeit, Kind. Mit dieser Eisenbahnfahrerei kann ich mich mein Lebtag nicht befreunden", jammerte Fräulein Walburg. „Und Du sollst sehen, es passirt auch ein Unglück. Freitag soll man nicht reisen." „Einsteigen, bitte einsteigen!" rief der Schaffner dringend und schob die alte Dame in den Wagen hinein. „Sie fahren doch dritter Klasse?" fragt er noch, als Walburg schon auf die Bank hingesunken ist. „Leider ja", seufzt das alte Fräulein, dem die Angst vor dem nahenden Unglück Kopfschmerzen macht. Gerta ist sehr vergnügt und meint, während sie den Schirm ltub eine Schachtel auf das obere Brett legt: „Ich frene mich doch, dast ich es mit der dritten Klaffe durchsetzte. Gieb acht, das wird sehr lustig! Auf der Herreise habe ich mich in der leeren zweiten Klasse halb todt gegähnt." In diesem Augenblick klimmt ein hagerer Mensch mit Hutschachtel und Regenschirm in das Coupo. Gerta tarirt ihn sofort für einen nach Anstellung im Pfarramt schmachtenden Hauslehrer. Be- fcheidentlich drückt er sich in die fernste Ecke, denn es nahen drei Männer mit Büchsen und Jagdranzen. Sonntagsjäger, wie Gerta kon- statirt. Drei Jagdgewehre, in unheimlich bedroh ­ licher Nähe —, Walburg überläuft eine Gänsehaut. Sie macht stets einen Bogen um des Forstmeisters Gewehrschrank. Gerta ringt tapfer gegen einen Lachkrampf. Die Gesichter der Tante und des Kandidaten sind urkomisch in ihrer Todesangst. Erstere macht sich endlich Luft gegen ihren Nachbar. „Bitte! Ihr Gewehr—, es passirt doch nichts?" stammelt sie scheuen Blicks. „Keine Bange, meine Dame! Es geht nichts los, denn es ist nichts d'rin", lacht der Jäger. Inzwischen halten Gerta's Augen Personal ­ musterung. Papa würde sich köstlich amüsiren über dieses Kleeblatt. Tantens Nachbar in froschgrünem, strapazirtem Rock, verwitterter Schirmmütze und ledernen, über die Beinkleider geschnürten Gamaschen, sieht besonders abenteuerlich aus. Er ist stark gebräunt, hat funkelnd schwarze Augen und einen Kinnbart ä la Wallenstein, das giebt ihm etwas Verwegenes. Die Anderen nennen ihn Major. Sein Gegenüber beseitigt eben seine steife Halsbinde und läßt sie, auf- athmend, in die Tasche der ausgewaschenen Joppe gleiten. Dieser in Damengesellschast befremdliche Toilettenwechsel wird seitens des Majors lobend anerkannt. „Recht so, lieber Rath! Steife Kragen hindern die Bewegung. Besonders beim scharfen Zielen sollte der Hals nie beengt sein. Halten Sie nur immer auf's Blatt. Das heißt mehr nach dem Hals hin, so." Er hebt die Büchse, aus die rechte Haud Walburg's zielend, die, Halt suchend, den Fensterriemen umklammert. Entsetzlich! Sie ist mit Gerta und der ganzen Welt zerfallen und sinkt resignirt in ihre Ecke. Da ertönt neben Gerta die Stimme des Dritten: „Aber Herr Major, Sie erschrecken die Damen." „Den Teufel auch, Assessor! Der Schießprügel ist ja leer. Denken wohl, ich vergeude mein kostbares Blei? Hab' ohnehin nur zwei Kugeln und drei Schrotpatronen." „Vielleicht kann der Krämer tu Baumbach aushelsen." * „Hahaha! Assessor, Sie sind naiv! Danke schön für die Sorte. Das knallt überhaupt nicht los. Pscht! Pscht! schleicht das so in aller Ge ­ müthlichkeit aus dem Laus und schlängelt sich wie'n Feuerwerkskörper durch die Atmosphäre. Die Kreatur äßt dabei ruhig weiter. Sollt Dings schadet nicht, das kennt sollt alter Bock schon aus Erfahrung. Haha!" Der jugendliche Assessor, in normaler Kleidung wie andere Sterbliche, scheint wenig Verständniß und mangelhafte Begeisterung für diesen Jagdzug zu haben. Seitte braunen Augen sind vielmehr beharrlich aus deut Anstand — nach einen Blick seiner hübschen Nachbarin, die wiederum ange ­ legentlich die fernste Ecke, mithin den Kandidaten, fixirt. „Wo stellen Sie mich nun an, Major, und wo soll Erich stehen?" forscht der Rath inter- essirt. Erich, der Assessor, ist sein Nesse. „Na, Sie werden staunen! Hochittteressattter Stattd. Fünf, sechs Böcke gehllt da sicher 'raus.