242 „Das wäre ja wohl auch möglich", meinte Koustanze ausathmend, indem sie sich mit dem Taschentuche über die Stirne wischte. „Möglich schon, aber in diesem Falle nicht zutreffend. Als ich die arme Frau kurz vor ihrem Ende besuchte, klang aus allen ihren Worten die Furcht vor der gefährlichen Neben ­ buhlerin. Ich merkte es wohl, sie versuchte auch von mir zu erfahren, was ich freilich ebenso wenig wußte wie alle Andern." „Die Unglückliche!" seufzte Koustanze ergriffen. „Doch warum gelang es ihr nicht, den Gatten an sich zu fesseln? War sic vielleicht eine be ­ schränkte Natur, die ihn nicht verstand und ihn in seinem geistigen Streben hemmte? — Sv etwas kommt doch vor!" — „Gewiß", gab die Generalin zu und sah er ­ staunt in das erregte Antlitz der Hausgenossin, deren Auge in sichtlicher Spannung an ihren Lippen hing. „Aber in dieser unglücklichen Ehe war es nicht der Fall. Die Fra» besaß ein feines Verständniß für die Gaben ihres Mannes, sie war hochgebildet, auch sehr schön, konnte aber dennoch einen so wankelmüthigen und unedlen Menschen nicht dauernd fesseln. Ein Andrer wäre vielleicht überglücklich mit ihr geworden." Koustanze erhob sich und ging im Schatten auf und ab. Als die Augen der alten Dame nicht mehr ans ihr ruhten, sah sie ans, als wäre eben ein hartes Urtheil über sic gefüllt worden. Unsicher traten ihre Füße auf den geschorenen Rasen, ihre Züge zeigten den Ausdruck namen ­ loser Bitterkeit. Jedoch seit sie gegen ihr Gewissen in den Bann einer heißen Leidenschaft gerathen war, hatte sie gelernt, sich zu beherrschen und harmlos zu erscheinen, derweil ihr Herz blutete oder sich in heimlicher Angst verzehrte. Nachdem sie wieder Platz genommen, sagte sie ganz ruhig: „Ich bin gespannt, ob sich der Herr wirklich mit seiner Geliebten verloben wird. — Mir scheint es etwas unwahrscheinlich zu sein." „O, ich glaube längst nicht mehr daran, Fräu ­ lein Verleit", versetzte die alte Dame bestimmt. „Wer weiß, welche neuen Reize ihn jetzt wieder fesseln! Für das, was die geheimnißvolle Ge ­ liebte der armen Frau anthat,' hat vielleicht eine Andere schon unbewußt das Richteramt über ­ nommen." „Sv wird es wohl sein", gab Koustanze zu; dabei verschränkte sie die Arme fest über der Brust, weil diese den inneren Aufruhr in heftigen Regungen verrathen wollte. „Die Nemesis ent ­ wickelt oft eine erbarmungslose Härte, wenn es gilt, ein Unrecht zu sühnen. — Ich — ich habe das auch schon erfahren." „Nun, dann wollen wir aber das trübe Thema fallen lassen", meinte die Generalin, die Kon- stanzens Worte falsch deutete und jetzt manches Räthselhafte in ihrem Wesen vollständig zu be ­ greifen wähnte. „Darf ich sehen, was Sie augenblicklich lesen?" fragte sic und hob das Buch vom Boden, das sie soeben dort bemerkte. „Ich — ich wollte erst damit beginnen", brachte Konstanze stockend hervor, denn es wurde ihr doch ungemein schwer, der würdigen Dame gegenüber eine Unwahrheit zu äußern. Diese hatte kaum den Titel gelesen, als sie unwillig den Kopf schüttelte und das Buch mit einer Geberde des Abscheus ans den Tisch legte. „Von diesem Schriftsteller lese ich grundsätzlich nichts", sagte sie niit fast harter Entschiedenheit. „Warum denn nicht, Excellenz? Derwall ist doch einer unserer ersten Autoren." „Mag sein! Aber er war auch der Gatte jener unglücklichen Frau, von der ich Ihnen soeben erzählte. Selbstverständlich würde ich seinen Namen nicht nennen, wenn sein unglückliches Eheverhältniß und seine zweifelhaften Beziehungen zu anderen Frauen bei uns nicht allgemein bekannt wären. Daß ich mir von einem solchen Herrn nicht schildern lassen will, was Liebe und Treue ist, werden Sie begreiflich finden." „Gewiß", stimmte Koustanze aus voller Seele zu. „Auch ich werde von nun an nie mehr etwas von ihm lesen." „Bleiben Sie dabei, meine Liebe, und Sie werden nichts Werthvvlles verlieren. Da ich Ihnen aber ein trauriges Kapitel ans dem Lebens- roman dieses Mannes erzählte, dürfte dies Buch das, tvie ich sehe, erst soeben erschien, immerhin von Interesse für Sie sein. Vielleicht giebt es unter dem Schleier der Dichtkunst Aufschluß über manche dunklen Punkte, die im Leben seines Verfassers keine Aufklärung erhalten." „Sic meinen, Excellenz?" „Ja, das ist meine Ansicht. Es füllt mir auch eben wieder ein, daß ich kürzlich hörte, Dr. Ernst Derwall habe im letzten Jahre viel im Hause eines durch den Verkauf von Ländereien steinreich gewordenen Gärtners verkehrt und dessen bildschöner Tochter eifrig den Hof gemacht. — Wenn sich seine Wünsche verwirklichen, muß er doch versuchen, der verabschiedeten Geliebten gegenüber seine Handlungsweise poetisch 511 be ­ schönigen. In solchen Dingen soll er Meister sein." Während die Generalin eben von dem Verkehr des berühmten Schriftstellers mit der reichen Gärtnersfamilie sprach, gellte der schrille Pfiff einer Lokomotive durch die weiche Svmmer- abendluft. Fuhr Konstanze bei diesem plötzlichen