227 für dm härtesten Dienst dankbar sein. Lebe wohl und werde glücklich? — Als sich die beiden Menschen einige Jahre später zufällig wiedersahen und beim gegenseitigen Erblicken weder Bitterkeit noch Haß in sich auf ­ steigen fühlten, auch ihr Herz nicht mehr in heftigerem Schlage laut pochte, da wußten sie, daß auch sie zu den Personen zählten, die warmes geistiges Verständniß in einen verhängnißvollen Irrthum gelockt, doch ein muthiges Bekenntniß zu rechter Zeit vor einer großen Gefahr und endlosen Qualen behütet hatte." — — — Noch einmal las die junge Dame die beiden letzten Seiten des soeben erschienenen Romans „Ein Wahn" von dem berühmten Schriftsteller Ernst Derwall. Dann jedoch warf sie den Band fast unwillig auf den Gartentisch und sah in die weite schöne Landschaft hinaus. Die Sonne stand noch am Himmel, aber der feuchte Abend ­ dunst schwebte bereits über den Wiesen und hing an die Weiden neben dem Bache zarte, schimmernde Schleier. Bon einem warmen West bewegt, nickten die Blumen, schwankten die Wipfel der alten Eichen, deren dunkle Schatten sich am Waldesrande scharf von dem hellbeleuchteten Grün der Wiesen und dem Feuerglanz der röth- lichen Sonnenstrahlen abhoben. Aus der Ferne, wo ein Höhenzug sich wie eine grüne Wand erhob, glänzten die Dächer und Fenster eines Dörfleins herüber, während die vielfach ge ­ wundene Schlange eines kleinen Flusses hell ­ glitzernde Lichter auf die ersten zarten Schleier der Dämmerung warf. Eine Weile sah Konstanze Berlett noch ernst und gedankenvoll in die wunderbar beleuchtete Ferne, dann nahm sie das auf dem Tische liegende Skizzenbuch wieder zur Hand und begann zu zeichnen. Hatte ihr Künstlerauge noch einen Eindruck aufgesaugt, einen Gegenstand ersaßt, den sie festhalten wollte, oder war es ihre Absicht, die marternden Gedanken und qualvollen Fragen durch Arbeit zu verscheuchen? Ihre sonst sichere Hand zitterte. In nervöser Hast fuhr der Stift über das Papier, blickte sie bald in die Land ­ schaft hinaus, bald auf den Roman, dessen goldner Titel in der Abendsonne erglänzte. Der nicht sehr starke Band mußte ihren Frieden ver ­ scheucht haben und die Ursache ihrer ungewöhn ­ lichen Erregung sein. Mit einem raschen Stoß, als wolle sie unsichtbare Geister von sich zurück ­ weisen, schob sie ihn jetzt vom Tische und achtete nicht darauf, daß er, anstatt auf die Bank ihr gegenüber, in's Gras fiel. Konstanze athmete tief und schüttelte mehrmals den Kopf, daun jedoch flog ein Lächeln über ihre verdüsterten Züge und klärte sie auf. Augenscheinlich war ein Gedanke in ihr aufgeblitzt, der den Sturm in ihrer Seele beschwor und alsbald wieder ihrein edlen Antlitz den Ausdruck inneren Friedens zurückgab. Ruhiger zeichnete sie weiter, zauberte sie mit genialen Strichen einen Theil der Landschaft auf das Papier, deren Schönheiten in der eigen ­ thümlichen Beleuchtung doppelt scharf hervortraten. Jetzt kam eine ältere Dame aus einer im Schweizerstile erbauten Billa. Diese lag an der aufsteigenden Landstraße und beherbergte eine Anzahl Sommerfrischler in ihren Räumen. Erst seit einigen Jahren war die gute Luft des hessischen Dorfes durch die Empfehlung eines bekannten Arztes berühmt geworden. Bald darauf wurden auf der sogenannten Höhe ein Paar- Villen erbaut, die zwar eine einfache Einrichtung hatten, jedoch immerhin den modernen Be ­ dürfnissen mehr genügen konnten als die dumpfen Stuben der Bauernhäuser im Thäte. Es hielten sich in der guten Jahreszeit meist solche Leute in dem Dörslein auf, die wirklich der Erholung bedürftig waren und das Leben in frischer Berg ­ luft und schöner Natur allen anderen Genüssen vorzogen. Abgeschieden von der Welt lag der Ort freilich nicht. Der Schienenstrang einer- bedeutenden Eisenbahn zog sich durch seine Ge ­ markung; auch eine Haltestelle für die Bummel ­ züge war seit einem Jahre am Eingang in das Dorf errichtet worden. Dieser Fortschritt störte aber die idyllische Ruhe auf der Höhe keineswegs, er gab vielmehr dem ländlichen Aufenthalte noch einen höheren Grad von Beruhigung. War man doch jetzt wenigstens im Stande, die nächste Station der Schnellzüge leichter zu erreichen. „Guten Abend, mein liebes Fräulein", sagte die alte Dame freundlich. Sic war inzwischen näher gekommen und hatte der Künstlerin aus der Ferne so lange zugesehen, bis diese den Stift bei Seite legte. Konstanze erhob sich und dankte. Dann wollte sie ihr Skizzenbuch zuklappen, aber die Hausgenossin legte die Hand auf ihre Schulter und fragte: „Darf ich nicht einmal sehen, was Sie gezeichnet haben?" „O gewiß!" gab Konstanze ohne Ziererei zurück. „Aber wollen Excellenz nicht erst Platz nehmen?" „Wenn ich nicht störe, gerne. Sie wissen, mein Fräulein, ich liebe nicht nur Ihre schönen Bilder und Zeichnungen, ich finde auch großen Genuß au Ihrer Unterhaltung. Und es ist sehr- gütig von Ihnen, daß Sie einer alten Frau, wie ich bin, schon so manche kostbare Stunde