217 Gesinnung, die mit der Stellung eines Staats ­ dieners unvereinbar sei, zu machen. Und Heise kam auch in der That nicht in den Staatsdienst. Der geist- und kenntnißreiche, mit einer außer ­ gewöhnlichen Rednergabe versehene junge Mann betheiligte sich im Jahre 1848 als exzentrischer rother Demokrat an der Bewegung, gab mit Gottlieb Kellner die allgemein gefürchtete „Hornisse" hcralis, machte sich in vielen darin von ihm verfaßten Aufsätzen verschiedener Vergehen schuldig, wurde 1850/51 vom Kriegsgericht steckbrieflich verfolgt, entkam nach England und starb dort in Liverpool als Kaufmann am 26. Januar 1860 —. Ernst Dronke aber, von zierlicher Gestalt und fast mädchenhafter Gesichtsbildung, die „Idee" genannt, der im Jahre 1849 als geborener Koblenzer noch im preußischen Militärverhältniß stand, wurde wegen nicht erfüllter Militärpflicht und Betheiligung an den 48er Ereignissen verhaftet und sollte auf die Festung Ehrenbreitstein gebracht werden, weshalb er unter militärischer Begleitung auf einem Dampfer eines Tages rheinabwärts fuhr. Er gelangte jedoch nicht an den Ort seiner Bestimmung. Denn in der Nähe einer großen Rhein-Insel, welche mir der Kapitän des Dampfers, auf welchem ich 1863 nach Caub fuhr, zeigte, sprang Dronke über Bord des Dampfers, der ihn nach Koblenz bringen sollte, ohne daß cs seine Begleitung verhindern konnte, schwamm an die Insel, wurde von einem ans deren jenseitigen Ufer- angelegten Nachen aufgenommen und an das rechte Rheinufer gefahren. Von dort entkam er in einer ihn erwartenden Chaise der ihm drohenden Unter ­ suchung und Strafe. Er begab sich nach England, wo er sich ein neues Heim gründete. Nachdem er vor strafrechtlicher Verfolgung sicher war, be ­ suchte er sein Vaterland wieder. Und so traf ich ihn 1882 in Frankfurt wieder. Er war der Sohn des Fuldacr Gymnasial-Direktors Dronke, studirte in Bonn und Marburg, war in Bonn bei der Palatin, in Marburg bei der Gnestphalia aktiv, bei letzterer auch im Sommer 1842 erster Chargirter. Er war ein liebenswürdiger, leb ­ hafter, mit viel Verstand begabter Mensch, leichten Sinnes und voll heiterer Lebenslust; ein echter Sohn des sonnigen Rheins, von dem ich noch manchen lustigen Studentenstreich erzählen könnte, wäre er zur Veröffentlichung geeignet. Er starb im November 1891 in England. Modern. Novellette von H. Keller-Jordan. (Schluß.) t Professor Georg Döhler lag neben der Veranda in einem Schaukelstuhle und las; es war ein ) neues wissenschaftliches Werk, in dem er blätterte, aber seine Gedanken konnten sich heute nicht recht konzentriren. — Er hatte Fräulein Kunze kommen und gehen hören und erwartete seit beinahe einer Stunde seine Frau. Es war ihm nicht ganz wohl seit dem Gespräche am Morgen. „Georg!" Gottlob, da war sie. „Georg!" „Nun? Ei ei, sieh da in dem Cröme-Kleid, wie Dil hübsch bist, mein Kind." „Georg, was hältst Dil von Hauptmann's ,Einsame Menschen'?" „Ich? Was ich davon halte? Es ist ein unfertiges, unerquickliches Stück für die Bühne, aber ein psychologisches Meisterwerk —, alich dramatisch wirksam." „Aber konntest Du es begreifen, warum der Held seine kleine Frau nicht mochte? Doch wohl, weil sie zu unbedeutend war und die Andere ihm geistig ebenbürtiger. Warum er sich nicht scheiden ließ und diese heirathete? Er brauchte sich dann doch nicht umzubringen." „Hast Du — hast Du — in diesem Sinne Deine Besprechung geschrieben, Jvsepha?" Sic nickte verlegen und setzte sich wie zerschmettert ans den nächsten Stuhl. „Aber Kind," sagte Georg, sich erhebend, „dann hast Du ja das psychologische Problein und den einsamen, innerlich todteinsamen Menschen gar ­ nicht begriffen. — — Du bist freilich so jung, gut und harmlos, ich konnte mir das gleich denken. Wie solltest Dll es wissen, daß es solche über ­ fein organisirte, beinahe pathologisch belastete Naturen giebt, die das Leben verwunden muß, wie es sie berührt? Unser armer Held, glaube es mir, Josepha, wäre ebenso einsam geblieben, wenn die Andere seine Frau geworden wäre. Es ist das verzweifelte Suchen nach Verständniß —, der Dichter war sich dessen vollkommen bewußt." „Ich kann nicht recht begreifen, was Du meinst, dann wäre ja die Handlung überhaupt überflüssig?"