191 ist, ein anderer Geist zu Theil geworden, der Geist der Wissenschaft und der Poesie. So ist der Konflikt zwischen den beiden so ungleich gearteten Naturen von Anbeginn an vorhanden, und wir sehen ihn sich vertiefen, schärfer werden und schließlich zum unheilbaren Bruche führen. Robert Oedenau erntet als Verfasser eines Trauerspiels „Philipp von Mazedonien" reichen Beifall. Das Stück wird von einer süddeutschen Hosbühne aufgeführt und macht seinen Namen weithin bekannt. Doch Ruhm und Ehre versöhnen den Vater keineswegs. Das Verhältniß. zwischen Beiden wird nachgerade so unhaltbar, daß sie sich für immer trennen. Robert hat auf einer Wanderung in einsamem Dorf die Pfarrerstochter kennen und lieben gelernt. Nach wenigen Monden führt er sie heim. Ans derselben Wanderung hat er in den Ruinen eines im dreißig ­ jährigen Krieg zerstörten Klosters gelagert, und dort hat ihn mit säst dämonischer Gewalt der Gedanke erfaßt, sein Leben der großen Aufgabe zu widmen, die Folgen dieser unheilvollsten Periode deutscher Geschichte in ihrer ganzen Ausdehnung der Nation zu schildern als Ermahnung und Warnung für alle kommenden Zeiten. Nach seiner Verheirathung läßt er sich in Berlin nieder und widmet sich hier ganz seinem Vornehmen. Seine kargen Mittel schwinden, er fällt in die Hände eines schurkischen Verlagshändlers, der ihn um den Lohn seiner Arbeit betrügt. Der Vater bleibt taub gegen jegliche Bitte; und so endet der Held schließlich im größten Elend. Der Vertreter des Materialismus bleibt für jetzt Sieger, der Idealist unterliegt, aber nur er, nicht sein Werk, das spätern Geschlechtern ein köstlicher Schatz wird. Der Verfasser erzählt dann in dem letzten Theil des Romans, wie der Vater gleichfalls zu Grunde geht und sich noch im Sterben vor der höhern Welt- und Lebensauffassung des dahingeschiedenen Sohnes beugt. In seinem spätern Verlauf spielt der Roman in den Jahren 1870 und 1871, und das Schicksal des Einzelnen hebt sich äußerst wirkungsvoll von dem Hinter ­ grund der gewaltigen Zeitereignisse ab. — Die vorstehende Inhaltsangabe ist durchaus skizzenhaft und erschöpft keineswegs die ganze reiche Handlung der Erzählung. Vielgestaltig und wechselnd ivie das Leben selbst ist auch dieses Abbild des Lebens. Wir wünschen den Leser nur anzureizen, nicht zu befriedigen. Er mag das Buch selbst zur Hand nehmen und wird reichen Genuß daraus schöpfen. Was uns besonders anziehend erschien, ist die glühende Begeisterung des Dichters für die hehren Aufgaben von Wissenschaft und Poesie und für ihre ewige Geltung im Leben der Menschheit. Einzelne Schilderungen sind von wunderbarem Reiz, vor Allem die des Ringens und Kämpsens Robert's mit den Hemmnissen und Schwierigkeiten, die sich der Vollendung seines Werkes entgegen ­ stellen. Nicht minder ergreifend wirkt die treue Liebe seines Weibes. Noth und Sorge theilt sie in freudiger Hingabe mit ihm, und als willige und verständnißvolle Helferin steht sie ihm auch bei seinen wissenschaftlichen Bestrebungen zur Seite. Für den Hessen und besonders für den Kasselaner bietet das Buch ein besonderes Interesse. Die Erzählung spielt zum großen Theil in Kassel, und der Verfasser, — es ist das freilich nur unsere Vermuthung —, berichtet eigene Lebensschicksale darin und schildert Personen, die einst in Blind ­ heim, so nennt er Kassel, eine Rolle spielten. A. W. XXXIX. Bericht mit Abhandlungen des Vereins für Naturkunde zu Kassel über die Ver ­ einsjahre 1892 bis 1894. Erstattet vom zeitigen Geschäftsführer. Kassel, April 1894. Druck von L. Döll. Der jetzt 58 Jahre alte, aber noch jugendlich frische Verein, der so manches berühmte Mitglied zu den Seinen zählte und noch zählt, veröffentlicht hier den Bericht über die Geschäftsjahre April 1892 bis dahin 1894. Aus dem ersten Theile, dem Jahresberichte, heben wir folgendes hervor: Dem Verein ge ­ hörten an 12 Ehrenmitglieder, darunter die noch lebenden Stifter Wirklicher Geheimrath Excellenz Eh-. Wilhelm Robert Sun Jen in Heidelberg, der berühmte Mitentdecker der Spectralanalyse, und Professor Direktor Dr. R. A. Philipp!, der den Ruhm deutscher Wissenschaft nach Südamerika trug, wo Ph. noch heute an der Universität zu Santiago (Chile) in voller Thätigkeit und trotz seiner 86 Jahre in geistiger Frische lebt und von wo er die Früchte seiner wissenschaftlichen Thätig ­ keit regelmäßig dem Verein zukommen läßt. Beide Herren wirkten s. Z. zusammen als Lehrer an der höheren Gewerbeschule zu Kassel. Wirkliche Mit ­ glieder zählt der Verein 75, darunter Se. Durch ­ laucht Prinz Karl von Hanau und Prinz Philipp von Hanau, korrespondirende Mitglieder 53. Durch den Tod hat der Verein in den beiden abgelaufenen Jahren verloren die Mitglieder Pros. Dr. Aichhorn in Graz, Generallieutenant Freih. H. v. Dörnberg, Fabrikant Paack, Hof ­ buchhändler Freyschmidt, Dr. Haßkarl und Buch- drnckereibesitzer Döll. Ausführlichere Lebensbilder der Verblichenen sind dem Berichte beigegeben. Der meisten von ihnen hat ja auch das „Hessen ­ land" s. Z. gedacht. Der Vorstand wurde gebildet von den Herren Geh. Oberjustizrath Oberstaatsanwalt Bartels,