190 Aus Hermath und Fremde. Das III. S ä n g e r f e st des hessischen Sängerbundes, das in H e r s s e l d am 30. Juni, 1. und 2. Juli unter großer Bethet- ligllng der zum Bunde gehörigen Gesangvereine aus allen Theilen Hessens stattfand, nahm den schönsten Verlauf. Der um die vorzügliche Vor ­ bereitung des Festes hochverdiente Festausschuß und die gesammte gastfreundliche Bevölkerung Hersfelds bereiteten den fremden Gästen die herzlichste Aus ­ nahme, unb so konnte es denn nicht fehlen, daß sich das Fest zu einem hellen Lichtpunkt in der Chronik des noch jungen Bundes sowohl als auch in derjenigen der alten Lullusstadt gestaltete. Zu der im Monat September in Kassel statt ­ findenden Versammlung des Hessischen Lehrer ­ vereins, mit der zugleich die Feier des 25 jäh ­ rigen Bestehens desselben verbunden ist, soll auch eine große Lehrmittel-Ausstellung ver ­ anstaltet werden, bei der alle Gebiete des Lehr ­ mittelwesens Berücksichtigung finden sollen. Die Ausstellung findet voraussichtlich im Meßhause oder im großen Stadtbausaale statt. Am 1. Juli starb zu Ropperhausen im Alter von 80 Jahren der frühere knrhessische Staats ­ minister Freiherr Alexander v. Baumbach- Ropperhausen, geboren am 11. Januar 1814 zu Kassel. Er gehörte dem zweiten Ministerium Hassenpflug als Minister des Auswärtigen an, war dann kurfürstlicher Gesandter zu Paris (1856 bis 1859), zu Berlin (1861) und Wien, wo er bis 1866 blieb. Nach der Gefangennehmung des Kurfürsten durch preußische Truppen bestellte ihn der Deutsche Bund zu seinem Regierungskornmissar für das Kurfürstenthum, als welcher er seinen Sitz zu Hanau hatte. Nach Beendigung des Krieges stellte er sich dem irnmer noch gefangen gehaltenen Kurfürsten zur Verfügung unb verhandelte Namens desselben den sogenannten Stettiner Vertrag. Seit ­ dem hat Alexander von Baumbach irr stiller Zurück ­ gezogenheit theils in Kassel, theils auf seinem Gute Ropperhausen gelebt, bis ihn ein sanfter Tod von mancherlei Leiden erlöste. Die Beerdigung fand zu Kassel statt unter zahlreicher Betheiligung namentlich der althessischen Ritterschaft. Pfarrer Wissemann hielt die Gedächtnißrede. Personalien. Ernannt r Der Erste Staatsanwalt L a u tz in Neu ­ wied zum Landgerichtsdirektor in Kassel; Landgerichtsrath S t e u b i n g in Greifswald zum Oberlandesgerichtsrath bei dem Oberlandcsgericht in Celle; Rechtskandidat von Savigny zum Referendar; Forstassessor Lücke in Elbing zum Oberförster in Gottsbüren; Büreauassistent Froeb zum Sekretär bei dem Provinzialschulkollegium in Kassel; Fabrikant Carl Hohe in Hanau zum stell ­ vertretenden Handelsrichter bei dem Landgericht in Hanau. Uebertragerr r Dem Landrath vr. L o tz zu Leer, Regierungsbezirk Aurich, die kommissarische Verwaltung des Landrathsamtes im Kreise Melsungen; dem Post- kassirer Selchow aus Marburg eine Postinspektorstelle für den Bezirk der Oberpostdirektion in Danzig.; dem Oberpoftdirektionssekretär Cullmann aus Konstanz eine Kassirerstelle bei dem Postamte in Marburg; dem Oberpostdirektionssekretär Telle aus Kassel eine Kassirer ­ stelle bei dem Postamte 11 in Hamburg. Beauftragt: Pfarrer Klein in Rauschenberg mit Versehung der Metropolitanatsgeschäfte der Klasse Rauschenberg. Verliehen r Dem Pfarrer R ö m h e l d in Wallroth die erste Pfarrstelle in Steinau; dem Katasterkontroleur a. D. Rechnungsrath E n d e m a n in Eschwege und dem Pfarrer Bücking in Großseelheim der Rothe Adlerorden 4. Klasse, dem ersteren bei seinem Uebertritt in den Ruhestand. Ausgeschiedenr Der Referendar Goebels aus dem Justizdienste. Gestorben: Minister a. D. Alexander v. Baum- bach-Ropperhausen, 80 Jahre alt, in Kassel, 1. Juli; Friedrich Wilhelm Döhle, 70 Jahre alt, Eschwege, 25. Juni; Frau Auguste Leiß, geb. Scheffer, Witwe des Geh. Hofraths Leiß, Kassel, 4. Juli; Kauf ­ mann Gustav Krause, Kassel, 12. Juli. Hessische Bücherschau. Umsonst gelebt. Roman in 6 Büchern von I u l i u s W. B r a u n. Berlin. W. Fontane & Co. Der bekannte Literarhistoriker bietet mit diesem Roman der Lesewelt ein Werk dar, das sich seiner früheren, berechtigtes Aufsehen erregenden Erzählung „In Fesseln" würdig an die Seite stellt. „Um ­ sonst gelebt" ist ein spannendes, lebensvolles und ailch lebenswahres Werk, das den ewigen Kampf zwischen Realismus und Idealismus tu packender Weise schildert. Und gerade in unserer Zeit, da der Idealismus vielfach seinem Gegner zu unter ­ liegen scheint, thut es wohl, einen Mann ans beit Plan treten und mit markigen Worten die ewige Berechtigung der idealen Lebensanschauung ver ­ treten zu sehen einen Mann, der in seiner eigenen Lebensführung einen so hohen, bewunderns- werthen Idealismus bewiesen hat. Der Held des Romans, Robert Oedenau, ist der Sohn eines reichen Fabrikanten. Nach des Vaters Wunsch soll er einst an seine Stelle treten und neue Reichthümer auf die erworbenen häufen. Der Vater faßt seine Stellung als Großindustrieller in jener beschränkten und eigensüchtigen Weise auf, daß sie ihm nur als Mittel dienen soll, Geld und wiederum Geld und damit Genuß zu erwerben. Es ist der Materialist vom echtesten Schlag. Dem Sohn aber ist, wohl als Erbtheil der feinfühlenden und geistig hochstehenden Mutter, die durch des Gatten Leichtsinn zu ewigem Siechthum verdammt