172 Sonntag, den 1. Juli: Morgens 8 Uhr event, später Empfang der Gäste am Bahnhof resp. an den Thoren der Stadt. Um ^9 Uhr auf dem Marktplatze: Choralmusik und gemeinschaftlicher Gesang der Lieder: „Das ist der Tag des Herrn" — „Die Himmel rühmen" — (letzteres mit Musik ­ begleitung der Artilleriekapelle aus Kassel); um */211 Uhr: Generalprobe für die Gesammtchöre in der Sängerhalle auf dem Festplatze; hierauf musikalischer Frühschoppen. Von 2 Uhr ab: Aufstellung zum Festzuge auf dem städtischen Turnplätze in der Hainstraße; 3 Uhr: Festzug durch die Stadt nach dem Festplatze auf dem Weerd unter Begleitung zweier Musikchöre. Der Zug bewegt sich durch folgende Straßen: Hainstraße, Breitenstraße, Weinstraße, Marktplatz, Johannisstraße zum Weerd (Festplatz), daselbst Begrüßungsgesang des Hersfelder Quartettvereins, Ansprachen, Festrede; hierauf großes Vokal- und Jnstrumentalkonzert in der Konzerthalle. Abends Feuerwerk, turnerische Gruppenbilder, Tanz. Montag, den 2. Juli, Morgens 6 Uhr: Weckruf durch die Stadtkapelle. Um 8 Uhr: Besuch der Stiftsruine, Hierselbst gemeinschaftlicher Chorgesang, Spaziergang durch die städtischen Anlagen nach den „Alpen" und Wolsf's Felsenkeller. Dortselbst um 10 Uhr Delegierten-Versammlung. Restauration, Konzert der Stadtkapelle und Gesangsvorträge. Rückmarsch V» 1 Uhr Mittags. Nachmittags von 3 Uhr ab auf dem Festplatze: Konzert der Stadt ­ kapelle, Vortrag von Gesängen seitens der Einzel ­ vereine, Volksbelustigungen, Tanz. So steht, wenn auch der Himmel eilt freund ­ liches Gesicht macht, reiche Festesfreude in Aussicht. Auch das „Hessenland" nimmt an ihr Theil, denn ihm liegt die Pflege des Sanges nicht wenig am Herzen. Möge der hessische Sängerbund blühen, wachsen und gedeihen bis zu fernen Ge ­ schlechtern , möge er sich zugleich voll bewußt werden, daß ihm durch die Pflege des Gesanges und insbesondere des wahren Volksliedes eine hohe Aufgabe zugewiesen ist. Wir schätzen unb ehren die kunstmäßige Musik, aber das Herz des Volkes offenbart sich in seinem eigenen Liede, in schlichten Worten und einfachen Tönen. Und so haben hessische Sänger vor Allem die Pflicht, das dem heimathlichen Boden entsprossene Lied zu hegen und zu warten als theures Gut. Die Zeit, in der überkluge Schulweisheit hochmüthig auf das wilde, barfüßige Dorskind herabschaute, die Zeit, da das aus dem Herzen quellende natur ­ wüchsige Lied als „unfein" und „bizarr" galt, ist Gott sei Dank vorüber, seitdem ein Herder, ein Goethe und viele andere edle Geister unserer Nation sich seiner angenommen haben. Mit Recht schreibt der Volksliedersammler Georg Scherer vom deutschell Volkslied: „Diese Lieder gehören zu den holdseligstell Blüthen des deutschen Geistes; in ihnen fühlt man den vollen Herzschlag unseres Volkes und lernt dasselbe von der liebenswürdigsten Seite kennen. Hier offenbart sich seine ganze Gemüthstiefe, rührende Güte, unendliche Liebe und aufopfernde Treue, seine schlichte Rechtschaffenheit, treuherzige Ehrlichkeit und hoher sittlicher Ernst; heitere Lebenslust und derber Muthwille bis zur Ausgelassenheit; aber auch trotzige Kraft, flam ­ mender Zorn, glühender Haß und dreinschlagende Tapferkeit. Wahrlich, ein Volk, das solche Lieder auszuweisen hat, darf sich zeigen unter den Völkern der Erde." Aber das Volkslied will gesungen sein, nicht aus Büchern erlesen oder deklnmirt, und der hessische Literarhistoriker Vilmar trifft das Richtige, wenn er sagt: „Und doch wird ein Gedicht nur durch den Gesang unser ganzes volles Eigenthum, so daß wir dasselbe gewissermaßen mit dem Dichter- theilen ; nur dllrch den Gesang genießen wir das ­ selbe ganz, mit Leib, Seele und Geist, nur durch den Gesang haben wir volle, unvergängliche Freude daran, und nur durch den Gesang endlich wird die Dauer des Liedes, ja gewissermaßen seine Unsterblichkeit gesichert. Gesungen muß ein Lied worden sein, von Vielen gesungen und lange gesungen, wenn wir es für ein echtes Volkslied halten sollen." Und Friedrich Frevert schildert in einem schönen, unserem durch seine verdienstvollen Ar ­ beiten aus diesem Gebiete bekannten hessischen Landsmann Jo halln Le Walter gewidmeten Gedichte den Ursprung des Volksliedes in an ­ ziehender Weise: Das Volkslied. Eiu altes Lied, ein altes Lied klopft an Dein Herz mit leisem Klang, Die Worte rauh und doch so traut und voller Tiefe und . Gesang. Das alte Lied, es rührt Dein Herz und füllt Dein Aug' mit Thränen an, Es lindert sanft der Seele Schmerz, mehr als Dein Mund es sagen kann. Sein Klang stammt von dem Vogel her, der Abends singt tut Lindenbaum, Hub von der Brandung, wenn das Meer den Fels bespritzt mit weißem Schaum, Vom Winde, der in dunkler Nacht um stille Gräber seufzt und klagt, Vom Bienchen, das mit Sumlnen fliegt um Blumenglocken, wenn es tagt. Gesungen ward's im braunen Moor und auf der lichten Haide Grün, Und int Gebirg, wo Farr'n und Moos des Bergquells felsig Bett umzieh'n, In schattiger Waldeinsamkeit, wo gelbe Schlüsselblumen blüh'n. Im stillen Thäte, wenn der Mond die alten Buchen hell beschien.