158 Diese wehmüthige Klage schien aber wenig Eindruck auf Nona gemacht zu haben —, sie schritt so kühn dahin und lächelte unternehmend, als wüsste sie nichts von deut „Ritter mit dein gebrochenen Herzen". Heute führte Rona's Weg zu einer alten Kräuterfrau, welche aus dem Safte von allerlei Pflanzen die Zukunft deuten konnte. Sauna war auch, wie immer, schon sehr frühe auf den Füßen; sie saß, von zwei blendend weißen Katzen und mehreren gefüllten Kräuterkörben umgeben, auf einem niederen Schemel vor ihrer dürftigen Hütte. Als sie das Burgfräulein erbickte, winkte sie ihm vertraulich mit der braunen Hand. Rona war hier keine Fremde; sie ließ sich oft von der alten Sauna wahrsagen, denn alles Außergewöhnliche, Räthselhafte, Unerklärliche zog sie mächtig an. — Heute hatte sie aber einen besonderen Grund, die „kluge Frau" aufzusuchen. „Sauna, Ihr müßt mir helfen!" rief sie der Alten schon von Weitem entgegen, und, näher ­ kommend, setzte sie leiser hinzu: „Ich habe mein Herz verloren!" Die alte Kräuterfrau riß ihre schwarzen Augen weit auf; „Herz—verloren?" wiederholte sie lang ­ sam, als hättesienicht recht gehört, „Herz—verloren ?" „Hört mich an!" befahl Rona in ungeduldigem Tone, „und laßt Euer blödes Staunen! Warum sollte ich mein Herz nicht auch einmal verlieren?" „Weil Ihr keins habt!" fuhr es der Alten, wider Willen, über die Lippen. Heftig stampfte das Fräulein mit dem Fuße, ihr weißes Gesicht färbte sich roth. „Noch ein solches Wort," rief sie in hellem Zorne, „und Ihr sollt tut dunkelsten Gewölbe der Ronneburg Eure Frechheit büßen! Oder", und sic lachte, daß ihre schneeigen Zähne blitzten, „ich sperre Euch in die Brunnenkamtner, da könnt Ihr sehen, ob Ihr das große Rad*) in Schwung bringt, wenn der Durst Euch plagt!" Schott lag das Kräuterweib vor Rona im Sande und küßte unaufhörlich den Saum ihres blauen Gewandes. „Verzeiht, verzeiht!" winselte sie, „Ihr habt das beste Herz, Ihr seid eine Taube, eine Lilie —, ich wußt' nicht, was ich rede, ich wußt' es nicht!" Verächtlich lachend, riß Rona ihr Kleid aus den Händen der Alten und befahl ihr, aufzustehen.— Sauna gehorchte. „Zur Sache!" ries das Burgsräuleiu, „setzt Euch wieder auf Euren alten Wackelschemel und hört mich endlich an!" *) Aus dem Brunnen der Ronneburg wurde das Wasser mittels eines mächtigen Rades aus unendlicher Tiefe heraufgezogen. Keuchend ließ sich Sauna auf ihren Lieblings ­ sitz nieder, kreuzte die Arme und sah mit dem scheinheiligsten Blicke ihrer falschen Augen zu Rona auf. — Diese hob vom nebenstehenden Stuhle einen Korb mit Kräutern herunter und nahm auch Platz. „Gestern", begann sie flüsternd, „machte ich mit meinem Vater einen großen, großen Ritt von vielen Stunden —, wir kamen an einem schönen Herrenhose vorüber, den ich noch nie zuvor gesehen hatte —, nur mein Vater war, bei Gelegenheit einer Hirschjagd, schon dort zu Gaste gewesen; der Edelhof liegt dicht vor einem tiefen Walde. — Gerade, als wir vorüber ritten, trat aus dem Hofthore ein wunderschöner Mann im Jagdgewande; von seinem Hute wehten lange, weiße Federn, seine Gestalt war hoch und gebietend, sein Haar war schwarz, und seine Augen hatten einen königlichen Blick. Ihm folgte eine Schaar fröhlich bellender Hunde. — Es war der tnir noch unbekannte Ritter von Edelheim. — Mein Vater hielt an, begrüßte ihn, nannte unsere Namen und fragte den Ritter nach dem besten Wege, denn in dieser Gegend wußten wir beide nur wenig Bescheid. Höflich bat der Besitzer des Herrenhofes um unseren Eintritt in sein Hans. — Da der Tag sehr heiß und wir sehr durstig waren, ließen wir uns bereden. Der Ritter rief Knappen herbei, welche unsere Pferde und seine Meute in Empfang nahmen, und führte uns in sein Haus. Etwa eine Stunde nur weilten wir unter seinem Dache, aber diese eine Stunde genügte, mein Herz ztt entflammen." — Rona seufzte tief. „Dann wird es bald Hochzeit geben", grinste die alte Sauna. Wieder seufzte das Burgfräulein. „Er ist der Erste, den ich liebe, und der Erste, dein ich nicht gefalle. Gegen meinen Vater war er voll Ehr ­ erbietung, gegen mich kalt wie Eis." „Ach, wer wird die weiße Lilie nicht lieben!?" schmeichelte das Kräuterweib, „ist denn Euer Ritter von Stein?" Rona sprang von ihrem Sitze empor, stellte sich dicht vor die Zauberin und rief befehlend: „Ihr müßt mir helfen! Sagt mir, was ich thun soll, um ihm zu gefallen! Mit Gold und Silber will ich Euch lohnen, wenn Ihr mir sagt, wie ich ihn erringen kann!" Rona hatte so heftig gesprochen und war der Alten so nahe gekommen, daß die beiden weißen Katzen, welche friedlich zu Füßen ihrer Herrin geschnurrt hatten, verstummten und mit drohenden Blicken das Burgfräulein musterten. Sauna beugte sich nieder und strich beruhigend über das weiche Fell ihrer Lieblinge. Vielleicht that sie