80 Den Schweiß von der Stirn wischend, trat er in die kühle Halle des Hauses. Die sorgsame Gattin brachte ihm alsbald einen Labetrunk. Während er sich daran erfrischte, stattete er seiner Mutter Bericht ab über den Fortgang der Ar ­ beiten. Die Kinder, welche seit dem Frühling sich in Welsen ganz zu Hause fühlten, um ­ schmeichelten den Ohm, ihn bittend, sie auf dem Leiterwagen mit hinaus auf's Feld zu nehmen. — Da tönten plötzlich in diese Feierstunde dumpfe Glockenschläge von Olsberg herüber, in gemessenen Zwischenräumen sich wiederholend. „Großer Gott!" rief Tankmar aufspringend, „das ist Feuerläuten. Ich niuß augenblicklich hin, denn Hülfe wird Noth thun, alle rüstige Mannschaft ist' draußen auf den Feldern." Der herbeieilenden Agnese reichte er mit seinem Ab ­ schiedsgruße die Hand. „Schicke mir von den Knechten, was erreichbar ist. Siehst Du, Rauch und Flammen kann man hier deutlich aufsteigen sehen, lebe wohl!" Dahin schritt er, Agnese blickte ihm nach voll Stolz und Liebe. Kaum war es noch bemerkbar, daß der kraftvollen Gestalt ein Gebrechen an ­ haftete. Tankmar löste den Kahn vom Lande und mit wenigen Ruderschlägeu trug ihn derselbe zum jenseitigen Ufer. Rasch befolgte die Zurückbleibende ihres Mannes Anordnung, dann trieb innere Unruhe sie hinaus auf den Altan, wo sie das Wachsen und Sinken der Gluth beobachten konnte. Jetzt flammte der Giebel des brennenden Hauses hoch auf, um gleich darauf mit weithin schallendem Geprassel zusammenzustürzen. Gellendes Geschrei begleitete den Einsturz, und dann war es einen kurzen Augenblick tvdtenstill, wie wenn ein lähmender Schrecken jeden Ruf zurückdrängte. „Es ist ein Unglück geschehen", sagte Agnese laut für sich, dann faltete sie ihre Hände und sandte ein Gebet zum Himmel für die Betroffenen. Eine Uuheilskunde braucht keinen geebneten Pfad, sie pflanzt sich fort von Mund zu Munde, sie schwirrt durch die Luft, auf Flügeln des rauschenden Windes kommt sie zu dem Betheiligten. Die junge Baronin wußte nicht, woher sie es vernommen, daß ihr Gatte schwer verletzt von der Brandstätte getragen sei. Wie sie ging und stand, war sie fortgelaufen, auf keinen Fergen wartete die geängstete Frau, sie selbst setzte im Nachen über den Strom. Alsbald stand sie neben der Tragbahre, auf welcher man den Baron sorgsam gebettet hatte, um ihn als sterbenden Mann in die Burg seiner Väter zurückzuführen. Das Leben eines Kindes rettend, stand er noch oben auf der Brandleiter, als durch den Sturz des Giebels diese das Gleichgewicht verlor und der Herunterstürzende eine Verletzung am Rück ­ grat erlitt. Der herbeigerufene Arzt konnte wenig Hoffnung geben. Fast schmerzlos war der Verunglückte bei klarem Bewußtsein, nur ver ­ sagten ihm die Glieder den Dienst. Langsam bewegte sich der Trauerzug Welsen zu. Agnese, die Tankmar mit freudigem Auf ­ leuchten der Augen begrüßt hatte, hielt seine Hand in der ihrigen, zu sprechen vermochte sie nicht vor tiefer, schmerzlicher Bewegung. „Liebling," flüsterte der Kranke, als er, auf seinem Lager gebettet, ihr Antlitz über sich ge ­ beugt sah, „für die kurze Frist, die mir noch auf dieser Erde vergönnt ist, gehe nicht von mir. Wenn ich Dich nur sehe, den Druck Deiner Hand empfinde, bin ich ruhig und getrost." So blieb sie an seiner Seite. Wo anders hätte sie auch Ruhe gefunden. Die bekümmerte alte Mutter, der herbeigerufene schrecklich bestürzte Bruder, sie kamen und gingen, Tankmar nahm Abschied von ihnen, und dann waren die beiden wieder mit einander allein. Was sie sprachen, Niemand hat es belauscht. Stunde für Stunde hielt Agnese treue Krankenwacht, bis des Gatten Hand in der ihrigen erkaltete und das Herz auf ­ hörte zu schlagen, das ihr in grenzenloser Liebe zugethan gewesen. X. Ein neuer Sommer war angebrochen. Ecke ­ brecht von Münikerode hatte seinen Wohnsitz nach Welsen verlegt, welches ihm nach des Bruders Tode als Eigenthum zugefallen war. Auf sein und seiner Mutter Bitten versah Agnese nach wie vor die Pflichten der Hausfrau. Der große, eingreifende Schmerz verlieh ihrem Wesen etwas Würdevolles, Ernstes, übrigens zeigte sie sich un ­ verändert, ja mitunter vernahm man wieder ihr Lachen unter den jubelnden Stimmen der Kinder. Der Oberst hatte zwar seiner Gemahlin den Wechsel der Verhältnisse durch den Trauerfall mitgetheilt, aber kein Wort der Aufforderung zu ihrer Rückkehr hinzugefügt. Alicens Antwort ­ schreiben steckte Eckebrecht sehr mißmuthig ein, ohne Jemandem etwas von seinem Inhalte mit ­ zutheilen. Die Baronin mochte nicht mit Unrecht vermuthen, daß seine wieder erwachende Jugend ­ liebe mehr und mehr ihr getrübtes Bild ver ­ drängte, jetzt wo Agnese sich ganz ihm und den Kindern widmen konnte. Dieser Brief blieb un ­ beantwortet, und somit stockte die ohnehin spär ­ liche Korrespondenz gänzlich. —