37 des Wohlwollens. Es gewann den Anschein, als wäre alles im alten Geleise, weil ein jeder sein Leid vor dem andern verheimlichte. Tankmar saß wieder viel über den Büchern, seine Ge ­ sundheit litt ersichtlich unter dem verborgenen Gram. Frau von Münikervdc sah ihn mit Leid ­ wesen dem alten Trübsinn verfallen. Die Urheberin all' dieses Leids, Agnese von Loßberg empfand für den Augenblick nicht minder den Druck dieser Verhältnisse. Sie aber wähnte, Hinausblicken zu dürfen in eine freudige Zukunft. Durch Eckebrecht's letzten Brief mit der Friedens ­ botschaft, der im Frühling 1783 eintraf, wehte ein warmer Hauch, ihn umschmeichelte gleichsam Heimathluft. Aus ihm sprach des jugendlichen Eckebrecht leicht erregtes, überströmendes Gefühl. Nach seinen Lieben in Welsen breitete er die Arme aus und äußerte unverhohlen seine Freude, auch Agnese dort zu finden. Weitere Mittheilungen verschob er auf das „will's Gott, nahe Wieder ­ sehen". Diese dem jungen Oberst in greifbarer Nähe vorschwebende Rückkehr sollte indessen noch uin ein volles Jahr verzögert werden, eine Zeit voll Harrens und Bangens, ohne die Erleichterung gegenseitiger Mittheilung. Endlich, als wieder die Staare auf den blühenden Obstbäumen die schillernden Flügel im Sonnenlicht bewegten, kam ein Bote, von Herrn von Loßberg entsandt. Er brachte die Mittheilung: „Ich habe Schwager Eckebrecht auf dem Durch ­ marsch nach Marburg frisch und gesund hier gesprochen. Sobald er es irgend ermöglichen kann, wird er heim kommen." Freudig, jedoch mit Seelenruhe sahe« Mutter und Bruder dem Wiedersehen nach langer Trennung entgegen, alle Gefahren lagen ja nun hinter dem Zurückgekehrten. Gott hatte Flügel über ihn gebreitet. Agnese hingegen dehnten sich diese letzten Tage des Wartens zu unerträglicher Länge aus. Voll Ungeduld, hoffte sie auf einen Zufall, welcher der Berechnung des Ohmes zum Trotz den heißersehnten Onkel früher herführen sollte, als die andern es erwarteten. Von rast ­ loser Unruhe getrieben, ging das Mädchen oft ­ mals den Weg hinunter, den er kommen mußte, aber immer blickte sie vergeblich die Straße ent ­ lang, sie blieb verödet. Der Juni war bereits in's Land gekommen und hatte Berg und Thal mit seinem frischesten Grün geschmückt. Wiederum war sie hinaus ge ­ gangen und schickte sich eben an, unverrichteter Sache heimzukehren, als ein Knabe des Weges daher kam und ihr mit einer Art Heimlichkeit ein Briefchen in die Hand steckte, worauf er schleunig verschwand. Verwundert betrachtete Agnese das Billet, ihr Herzschlag stockte, und ihre Hand zitterte, dasselbe trug Eckebrecht's Schriftzüge. „Liebe kleine Agnese!" lautete der Inhalt, „Du bist immer gut und liebevoll gegen mich gewesen, so wirst Du mir auch meine erste Bitte nach der Rückkehr nicht abschlagen. Ich muß Dich ohne Zeugen sprechen, bevor ich in den Familien ­ kreis trete. Auf dein wohlbekannten Ruheplätzchen in der Schlucht wartet Deiner in Devotion Onkel Eckebrecht." Tausendmal hatte sich das Mädchen den Augen ­ blick des Wiedersehens ausgemalt und immer gewünscht, dem über alles Geliebten allein zu begegnen. Bevor seine Angehörigen ihre Rechte an ihn geltend machten, wollte sie das Geständnis; seiner Liebe und Treue empfangen. Wie be ­ schwingt eilte sie den Waldweg zur Schlucht hinab. Jetzt bog sie die verschlungenen Zweige auseinander, ihr junges, liebliches Gesicht strahlte von Glück und Erregung, doch stockte der Fuß iu banger, jungfräulicher Scheu, die auch den Freuden ­ schrei ihrer halbgeöffneten Lippen zurückdrängte. Vor ihr auf der Rasenbank saß die hohe Ge ­ stalt des Onkels. Er hatte den Kops in die Hand gestützt und erhob erst beim Knacken eines Astes das gebräunte, männlich schöne Antlitz. Im nächsten Augenblick stand er neben dem bebenden Mädchen, das vermeinte, er müsse es wortlos an sein Herz ziehen. Eckebrecht aber ergriff nur ihre beiden Häude und sagte, sie anschauend: „Wie groß und schön Du geworden bist, Agnese." Sein Wesen war beherrscht von einer Befangenheit, welche es ihm schwer machte das rechte Wort zu finden. Daß dieses aber keine Liebeserklärung enthalten würde, fühlte die Nichte schon beim Freigeben ihrer Hände. Sie schüttelte denn auch den Bann ab, der ihre Zunge gefesselt hielt und sagte innig: „Du hast ein Anliegen, Onkel Eckebrecht; fordere, was Du willst, wenn ich Deinen Wunsch erfüllen kann, ist er gewährt." „Siehst Du, darauf rechnete ich bei meinem treuen Kameraden. Setze Dich zu mir, liebe Agnese, es ist nicht in zwei Worten gesagt." Sie folgte willenlos und blickte erwartungsvoll zu ihm auf. „Du kennst Mama," begann er, „sie will auch bei den flügge gewordenen Kindern das erste Wort mitreden. Im Augenblicke des Wiedersehens möchte ich keine Verstimmung bei ihr hervorrufen, darum ..." „Wenn Du Geld brauchst," unterbrach ihn Agnese liebevoll, „ich kann über mein mütterliches Erbtheil verfügen."