26 Sie lachte, tanzte und scherzte wie die anderen jungen Damen, aber ein tieferes Interesse für die geselligen Freuden fehlte ihr. „Wo Dein Schatz ist, da ist auch Dein Herz" bewährte sich bei ihr in vollem Maße. Agnesens Herz weilte im fernen Lande bei dem Onkel Eckebrecht, ihr Hoffen kannte nur ein Ziel: seine Rückkehr. Nur eine Person ahnte, was sie bewegte, diese Eine war Jlsabe. Die Hofetiquette erlaubte Fräulein von Lostberg, zurückgezogen die tiefste Trauer zu verleben; das heißt, soweit theilnehmeude Freunde es zuließen. Allmälig aber nahte die Zeit heran, wo man ihr Wiedererscheinen in der Gesellschaft erwartete, da mußte es eine wesentliche Erleichterung für den Geheimrath sein, wenn seiner Tochter eine Dame zur Seite stand. Somit ward das Schreiben des Stiftsfrüuleins zustimmend beantwortet. Am vorerwähnten Tage entstieg Tante Klementine dem Innern der Stifts ­ kutsche, nachdem sie sich aus zahlreichen Pelzum- hüllunge», „Vonwegen des Rheumatismus", heraus ­ gewunden. Die Freiin war von Kopf bis zu den Füßen Pedantin. Vollbewußt der Würde, welche Rang ilnd Stellung ihr verliehen, bewegte sie sich ge ­ wissenhaft in den Grenzen der Anstandsregeln, welche vor etwa 40 Jahren engherzige Erzieher ihrem etwas beschränkten Geiste beigebracht hatten. — Es war vorauszusehen, daß die Bevormundung durch diese Dame Agnese schier unerträglich er ­ scheinen würde. Wäre nicht Ohm Tankmar's besänftigender Einfluß dazwischengetreten, das junge Mädchen wäre gegen Tante Clementinens „standesgemäße Anschauungen" in offene Rebellion ausgebrochen. Schon vor mehreren Wochen war der Kammer ­ herr von Münikervde nach Kassel gekommen mit der ganz bestimmten Absicht, durch eine direkte Frage sich über Aurora's Gefühle gegen ihn Ge ­ wißheit zu verschaffen. Durch alle die Jahre hindurch bestand zwischen diesen beiden Menschen dasselbe Verhältniß, sie zogen einander an, um sich abzustoßen, und umgekehrt stießen sie sich ab, um alsbald Aus ­ söhnung zu suchen. Tankmar war nicht mehr der schüchterne Knabe von ehedem; mit dem erweiterten Wissen war auch seine männliche Selbständigkeit gewachsen. Im Kreise ernster Männer genoß er das höchste Ansehen, besonders der Landgraf zollte seinem Streben volle An ­ erkennung. Freilich für das glatte Parquett des Hofes fehlte ihm nach wie vor noch ebenso die Gewandt ­ heit wie für das leichte und oft leichtfertige Wort ­ geplänkel, welches dort vielfach üblich war und als geistreich galt. Frau von Münikervde drängte den Sohn täglich zu dem Entschluß, eine Heirath einzugehen. Verlockend pries sie ihm die besten Partieen des Landes an. Tankmar's Wahl aber traf Aurora von Wilden, wenn denn überhaupt einmal ge- heirathet sein mußte. Mit vollen Segeln schien der Freiherr auf sein Ziel loszusteuern, als er plötzlich den Kurs änderte. Auf einem Hofseste hoffte der junge Mann günstige Gelegenheit zur Aussprache zu finden. Aurora's Liebreiz war an jenem Abende bestrickender denn je, sie nahm ihren Verehrer völlig gefangen, aber sie wich geflissentlich jeder Möglichkeit einer Erklärung aus. Tankmar's Augen folgten ihrer graziösen Gestalt unablässig. Als er sie in ein weniger besuchtes Vorzininier treten sah, ging er ihr als ­ bald nach, jedoch ohne das Mädchen anzutreffen. Der Raum war ganz leer, da Fräulein von Wilden aber durch denselben zurückkehren mußte, lehnte er ihrer harrend am Fenster. Aurora zwar kam, aber sie war in Begleitung einer Freundin. Tankmar schmiegte sich tiefer in die ihn verbergende Nische. „Warum", sagte die Andere, „spielst Du Grausame mit Deinem Verehrer wie die Katze mit der Alans? Die Sache wird langweilig, mache ein Ende, es liegt ja nur an Dir, die Entscheidung herbeizuführen." Tankmar's Herz schlug so heftig, daß er- ver ­ meinte, sein Pochen müsse ihn -verrathen. Aurora's Antwort ließ nicht aus sich warten. „O," erwiderte sie lachend, „ich will ihn kirre machen. Er bildet sich ein, ich würde mit ihm Jahr aus Jahr ein auf dem langweiligen Neste Welsen sitzen. Gottbewahre, ich will mein Lebeir genießen. Ich werde ihn so verliebt machen, daß er einwilligt, sich dauernd am Hofe niederzu ­ lassen." „Spanne den Bogen nicht zu scharf," warnte die Freundin, „die Sehne könnte zerreißen." „Pah!" höhnte Aurora, „der Hinkepaß wird mir nicht fortlaufen." Die beiden Mädchen verschwanden im Festsaale. Wie mit glühender Scham übergössen, in auf ­ wallendem Zorn, bedurfte der Baron geraumer Zeit, um seine Fassung wiederzugewinnen. Er war an der empfindlichsten Stelle getroffen, dem fast vergessenen körperlichen Gebrechen. An dieses berechnende Geschöpf hatte er sein Herz gehängt. „Gottlob, die Binde war ihm noch zur rechten Zeit von den Augen genommen", dies Bewußt-