Volltext: Kinder- und Hausmärchen (Zweiter Band)

119 — 
10. 
Der Jude im Dorn. 
Ein Bauer hatte einen gar getreuen und fleißigen Knecht, der 
diente ihm schon drei Jahre, ohne daß er ihm seinen Lohn bezahlt 
hatte. Da fiel es ihm endlich bei, daß er doch nicht ganz umsonst 
arbeiten wollte, ging vor seinen Herrn und sprach: „ich habe euch 
unperdrossen und redlich gedient die lange Zeit, darum so ver— 
traue ich zu euch, daß ihr mir nun geben wollet, was mir von 
Gottes Recht' gebuͤhrt.“ Der Bauer aber war ein Filz und 
wußte, daß der Knecht ein einfaͤltiges Gemuͤth hatte, nahm drei 
Pfennige und gab sie ihm, fuͤr jedes Jahr einen Pfennig, damit 
waͤre er bezahlt. Und der Knecht meinte ein großes Gut in Haͤn—⸗ 
den zu haben, dachte: „was willst du dir's laͤnger sauer werden 
lassen, du kannst dich nun pflegen und in der Welt frei lustig 
machen.“ Steckte sein großes Geld in den Sack und wanderte 
froͤhlich uͤber Berg und Thal. 
Wie er auf ein Feld kam singend und springend, erschien ihm 
ein kleines Maͤnnlein, das fragte ihn seiner Lustigkeit wegen. 
„Ei! was sollt' ich trauern, gesund bin ich, und Geldes hab' ich 
zraufam viel, brauche nichts zu sorgen; was ich in drei Jahren 
bei meinem Herrn erdient, das hab' ich gespart und ist alln mein.“ 
„Wie viel ist denn deines Guts?“ sprach das Maͤnnlein. Drei 
ganzer Pfennig, sagte der Knecht. „Schenk' mir deine drei 
Pfennige, ich bin ein armer Mann.““ Der Knecht war aber gut⸗ 
muͤthig, erbarmte sich und gab sie hin. Sprach der Mann: „weil
	        
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