den, erreicht. — Still und wie ausgestorben lag der Ort
da und kein Lichtschimmer verriet, daß ja heute die
heilige Christnacht war. Freilich, das Dorf lag ja in
der Kriegszone und wahrscheinlich würde es, wenn die
Beschießung von Mainz einsetzte, derb unter der
Kriegshandlung zu leiden haben, deshalb wohl war es
den Dörflern nicht weihnachtlich zu Mute.
Blücher stapfte durch die finsteren, öden Straßen
und stieß bis zum jenseitigen Dorfrande durch, kon
trollierte die Posten, gab hie und da eine kurze, knappe
Anweisung und machte dann kehrt. Der Schnee siel
in dichten Flocken und überschüttete den Alten mit
nassem Weiß und sein Schnauzbart war zur starren
Eiskruste geworden. Das Waten im Schnee hatte ihn
nun doch etwas ermüdet und obendrein plagte ihn jetzt
ein handfestes Hüngerlein und er murmelte vor sich
hin: „Wenn ich jetzt ein Viertelstündchen verschnaufen
könnte und einen Bissen Brot zwischen die Zähne
kriegte, würde ich gern einen Gulden opfern!"
Aber — wohin er blickte im Dorfe Rödelheim —
alles war finster. So stapfte er mühsam weiter. Aber
da, da sah er in einem der letzten Häuser des Ortes,
es schien ein kleines Bauerngehöft zu sein, ein Licht
lein schimmern.
In der Tat! Hurtig hielt der Marschall auf dieses
Haus zu, trat an das erleuchtete Fenster und sah, als
er in die Stube blickte, ein gar friedlich und seltsam
Bild. Mitten im Raum, es war eine einfache Bauern
küche, stand auf der Holzbank ein Badewännlein, da
vor eine noch junge Frau, die ein etwa einjährig
Knäblein mit der einen Hand im Wasserschapp stützte,
mit der anderen sorgsam abseifte und wusch, und dazu
sang sie ein Liedlein. Das Fenster war alt und brüchig,
und so konnte der Marschall recht wohl verstehen, was
das junge Frauenzimmer sang:
Der Franzmann echapviert
und Blücher schnell marschiert,
er jagt Ban'Harte über den Rhein
und bald wird lieber Friede jein!
Das war jenes Lied, welches seit Wochen jeder
Bursche und jedes Mädel sang, und wer es gedichtet
und wer die Melodie erfand, wußte kein Mensch, aber
gesungen wurde es allerorts von groß und klein.
Die junge Mutter aber hatte sich ein zweites
Berslein zurechtgedichtet, das sie nun zur gleichen
Melodie sang:
Das Christkind heute kömmt,
dem Bübel Brezeln bringt,
der Baker kriegt ein Hähnelein,
die Lichter brenn'n am Bäumelein!
Dem alten Haudegen war ganz warm ums Herz
bei diesem einfältig - schlichten Liedlein, und er er
kannte jetzt auch, daß in der Ecke der Bauernküche ein
winzig Christbäumlein brannte, nach welchem das
Kind die Händchen verlangend streckte.
Die altersschwachen Fenster ließen aber nicht nur
das Lied durchfliegen, sondern auch einen lieblichen
Bratenduft durchschlüpfen, der dem erschöpften und
hungrigen Greis das Wasser im Munde zusammen
laufen ließ, und er äugte nach dem Herd und richtig,
da rekelte sich in der Pfanne ein knuspriger Gockel
hahn.
„Ei, schockschwerenot! Das wäre ein Fraß für
mich!" stieß Blücher hervor, und getreu seiner Devise:
„Vorwärts ohne Zaudern!", klinkte er die Tür auf,
tappte sich zur Stubentür im finstern Flur, fand
tastend den Drücker und stand nun plötzlich in der
Stube.
„Jesses Maria!" schrie die Bäuerin auf und ließ
vor Schreck das Büblein ins Wasser plumpsen. Aber der
Marschall tat rasch drei Schritte, faßte das Kind und
hob es aus dem Wasser und hielt es gar fürsichtig
zwischen seinen säbelgewohnten Fingern und lachte die
Bäuerin an und die ihn, denn sie sah seine hellen,
blauen Augen, die so gütig strahlten, und der Marschall
dachte: „Ei, verflucht! Wenn der Bonaparte mich so
stehen sähe, der würde mich eine alte Kindsmad
schimpfen!"
Aber die Bäuerin hatte sich nun gefaßt und fragte:
„Was will er hier?! Gehört er zu den Preußen?"
„Kennt Sie mich denn nicht, Frauenzimmer?"
„Soll ich denn jeden alten Mordbrenner kennen,
he? Seit Jahr und Tag liegt nun das Kriegsvolk im
Lande und will sich den Magen voll schlagen! Und er
doch auch! Ich wette, ihm knurrt der Magen?!"
„Richtig erraten, Frau! Und da sie solch sein
Federvieh in der Pfanne schmorgeln hat..."
„Da seht einer den Freßsack! Meines Mannes
Weihnachtsbraten will er haben! Den besten Bissen
aus der Pfanne mausen, das ist so Kriegsart! Und
wenn mein Mann heimkommt, er muß mit den Gäulen
Holz nach Frankfurt karren, mag er sich am trocknen
Brote laben!"
Etwas ärgerlich erwiderte der Marschall, dem die
Verhandlungen um den Gockelhahn schon zu lange
währten: „Und sie ist eine, die ein loses Maul hat!
Jetzt nehm sie Ihr Kind und dann richte sie mir ein
Essen! Will Ihr den Gockel bezahlen, wie noch kein
Kriegsmann je eins bezahlt hat!"
Hesbalb sollst Hu
Opfer bringen!