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der Hypnotisierte auf das Geheiß seines Suggestors eine rohe Kar⸗
toffel als schmackhafte Birne verzehrt, so vermag der Verliebte,
derselben Täuschung unterliegend, in einem plumpen und über die
Maßen häßlichen Mädchen eine Erscheinung von Reiz und Anmut zu
sehen und zu verehren. So kann die verliebte Frau einem rohen
und durchaus selbstischen Manne die besten Charaktereigenschaften
andichten. Das Suggestive dieses Zustandes springt in die Augen.
Alle entgegenstehende Kritik ist erloschen. Autosuggestionen ver—
stärken die falschen Urteile und legen sie zu einer Überzeugung fest,
die der Belehrung nicht mehr zugängig ist. Dadurch gerät der Ver⸗—
liebte in eine weitgehende Abhängigkeit von seiner Geliebten, in
eine Abhängigkeit, die der des Hypnotisierten entspricht und die⸗
selben Züge von Gebundenheit und Zwang zeigt. In seiner stärk—
sten Ausprägung führt dieser Zustand zur sexuellen hörigkeit.
Das Kätchen von heilbronn, die Senta im „Fliegenden Holländer“
und der Chevalier des Grieur in „Manon Lescaut“ zeigen uns solche
Typen in ihrer sexuellen Sklaverei. Sie unterliegen einem sinn⸗
betörenden geistigen Z3wang, der sie auf Verderb und Gedeih an
den Gegenstand ihrer Zuneigung bindet. Zu betonen ist, daß beson⸗
ders für die Frau in dem Gefühl des Unterliegens, in der schranken—
losen Unterwerfung unter den Sieger eine stark lustbetonte Emp⸗
findung liegt. Diese Tatsache läßt es uns verständlich erscheinen,
daß wir den Liebesrausch in seinen übertriebenen Formen weit
mehr beim weiblichen Geschlecht zu beobachten Gelegenheit haben.
Doch auch für das Umgekehrte gibt es der Beispiele genug. Mag
heim gewöhnlichen Alltagsmenschen, dessen Seelenleben überhaupt
keine starken Erschütterungen zu erleiden pflegt, das suggestive Mo⸗
ment in der Liebe oft nicht sehr deutlich zutage treten, jede tiefere
berliebtheit aber entfaltet mächtige Suggestionswirkungen, die dem
aufmerksamen Beobachter nicht entgehen können, besonders gilt das
von der Liebe der Pubertätszeit. Umstritten ist noch die
Frage, ob es möglich ist, einem Menschen Liebe zu einer bestimmten
Person wider seinen Willen zu suggerieren. Uralter Aberglaube
schreibt den Liebeszaubern und Liebestränken solche Kraft zu, wie
uns die Sagen von Tristan, Faust und den Nibelungen erzählen.
Bestehen stark affektbetonte Gefühle, wie Abneigung und haß, gegen