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Phantasie erstehen. Im Moment des drohenden Todes zieht mit—⸗
unter unser ganzes Leben vor unserem Geiste vorüber, wie Er⸗
trinkbende und Abstürzende, die gerettet wurden, berichten. Also
liegt es im Bereiche der Möglichkeit, daß Sekunden intensivsten Er⸗
lebens uns eine erhebliche Dauer vortäuschen können. Warum sollte
das nun nicht in Augenblicken möglich sein, in denen die Schwelle
des Bewußtseins noch nicht überschritten ist? Der Schläfer kann der—
artig grobe Keize, die sein Erwachen zur Solge haben, in seiner Vor—
stellung nicht sofort so unterbringen, wie es im Wachen möglich ist.
Zweifellos ist damit eine Gelegenheit zu abnormen Assoziationen
gegeben. Das geht auch aus der zeitweisen Benommenheit und Ver—
wirrtheit der Erweckten hervor.
Diese im Augenblick des Erwachens entstandenen Träume können
sich auch mit Erinnerungsvorstellungen verbinden. Im folgenden
sei ein Traum von Maury angeführt. Er ging einst als Student
früh zu Bett und ließ sich von seiner Mutter aus einem die franzö⸗
sische Revolution behandelnden Buche vorlesen. Er träumte darauf,
daß er mitten in der Jakobinerzeit in Paris sei; auch er wird vor
Gericht gestellt, und er sieht dort u. a. Marat, Robespierre. Man
verurteilt ihn zum Tode und führt ihn zum Kichtplatz; er erlebt
alle phasen der hinrichtung und fühlt, wie das Fallbeil auf seinem
Hhals einschlägt. In demselben Augenblick erwacht er und bemerkt,
daß das Tragholz seines Bettvorhangs auf seinen Nacken gefallen ist
und ihn erweckt hat. Auch in diesem Falle ist wahrscheinlich das nicht
ganz einfache Traumbild durch den groben Keiz des herabfallenden
Tragholzes ausgelöst worden. Der Sinnesreiz hat sich jedoch sofort mit
Erinnerungsvorstellungen verbunden, die von der Abendlektüre her⸗
rührten und den Erwachenden in die Zeit der Revolution versetzten.
— der Satz, daß Träume im Augenblick des Erwachens entstehen
können, darf nicht verallgemeinert werden; wenn sich auch eine An⸗
zahl auf diese Weise erklären läßt, die meisten spielen sich doch
anscheinend während des Schlafes ab.
7. Typische Träume.
Es gibt eine Keihe von Träumen, die nicht nur bei denselben
Menschen sich wiederholen, sondern auch in ihrer Grundform bei
vielen Träumern wiederkehren. Einige von ihnen beruhen auf glei⸗
hen Erinnerungen, setzen also das gleiche Erlebnis voraus, andere
auf ähnlichen Sinnesreizen, so daß sie bei jedem Menschen unter den