Volltext: Landgräfin Anna von Hessen

720 Philipp Losch 
 
Kurfürst Wilhelm II., als dieser im maßlosen Zorn über die gegen 
ihn gerichteten anonymen Drohbriefe Verdachtsmomente gegen dem greisen 
Oheim bezw. dessen Umgebung zu wittern glaubte, weil er instinktiv fühlte, 
daß der alte Herr (er wurde über 90 Jahre alt) sein Verhältnis zu der 
Gräfin Reichenbach mißbilligte. Dies Verhältnis zu der schönen, 
klugen, aber auch raffinierten Berliner Goldschmiedstochter hatte nicht nur 
den Familienfrieden des hessischen Fürstenhauses gründlich zerstört, sondern 
auch seine Stellung im Kreise der fürstlichen Standesgenossen ungemein 
verschlechtert, während die ‚Rumpenheimer‘ durch ihre glänzenden Beziehungen 
zu den Höfen Kopenhagen, London, Hannover und Petersburg ein steigendes 
Ansehen gewannen. Dazu bot die Familie des Landgrafen Friedrich ein Bild 
ungetrübten, herzlichen Einvernehmens, während im kurfürstlichen Hause 
Zank und Streit an der Tagesordnung waren und den einzelnen Mitgliedern 
das Leben verbitterten. Seit dem Tode der Kurfürstin Auguste, die 
schließlich ja noch einem modus vivendi mit ihrem durch seine morganatische 
Ehe ihr entfremdeten Sohn Friedrich Wilhelm I. gefunden hatte, 
war das ja nun besser geworden, aber das Verhältnis zwischen den beiden 
Familienzweigen in Kassel und Rumpenheim war daneben doch reichlich 
kühl geblieben. Es war nicht nur die zwischen Regenten und Thronfolger 
gewöhnliche Spannung, es war mehr noch die Eifersucht auf die gesellschaft⹀ 
liche Stellung der ‚Rumpenheimer‘, deren Vorteile der regierende Herr sich 
durch seine Ehe mit der geschiedenen Frau des preußischen Rittmeisters Leh⹀ 
mann verscherzt hatte. Der Kurfürst litt sehr unter der mißlichen Lage, 
in die ihn seine jugendliche Leidenschaft gebracht hatte, und es fehlte nicht 
an Versuchungen, die ihn oft drückenden Fesseln dieser Heirat zu zerreißen 
und seinem Lande eine ebenbürtige Landesmutter zu geben. Doch hatte er 
all diesen, namentlich von Hassenpflug ausgehenden Versuchungen wider⹀ 
standen und seiner Frau die geschworene Treue gehalten. Als Prinzessin 
Anna zum ersten Male am kurfürstlichen Hofe erschien, da trug die Ge⹀ 
mahlin des Kurfürsten seit wenigen Tagen den Titel einer ‚Fürstin von 
Hanau‘ und ihre Stellung war gefestigter als je zuvor. Doch für den 
Verkehr mit der Prinzessin aus königlichem Hause genügte auch diese Rang⹀ 
erhöhung nicht, und der Gedanke, daß das junge Paar sich in Kassel nieder⹀ 
lassen und dadurch den Kurfürsten und seine Gemahlin in zeremonielle Ver⹀ 
legenheit setzen könnte, erfüllte den in diesem Punkte sehr empfindlichen 
Fürsten mit starkem Unbehagen. Dazu kam, daß die oppositionellen Kreise 
in Hessen den Versuch machten, den Thronfolger gegen den Kurfürsten aus⹀ 
zuspielen. Sah sich doch damals die Regierung bewogen, das im Lande 
verbreitete Gerücht, der Kurfürst wolle zu Gunsten des Thronfolgers ab⹀ 
danken, durch die offiziöse ‚Kasseler Zeitung‘ entschieden zu dementieren. 
Das alles genügte, um den Kurfürsten zu veranlassen, deutlich merken zu 
lassen, daß eine dauernde Niederlassung des Thronfolgerpaares in Hessen, 
und besonders in Kassel, ihm keineswegs erwünscht sei. So konnte Prinz 
Friedrich seiner jungen Frau in dem Lande, zu dessen künftiger Regierung
	        
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