Volltext: Geschichte des Kurfürstentums Hessen

Kurhessen nach der Befreiung. 
B Das Königreich Westfalen war zu Ende, aber das Kurfürstentum 
M! Hessen war damit noch nicht wieder erstanden. Zwei Tage nach 
der Flucht Zeromes wurde Cassel wieder von den Russen besetzt, deren 
Oberbefehlshaber Graf St. Priest den Obersten v. Ratzen zum Stadt 
kommandanten ernannte. Zn den von den Russen erlassenen Prokla 
mationen war nur gesagt, daß das ehemalige Königreich Westfalen von 
den verbündeten russisch-österreichisch-preußischen Mächten in Besitz ge- 
genommen sei, in deren Namen alle Staatsdiener und Beamten ihre 
Ämter von nun an wie bisher fortführen sollten. Die Bevölkerung, die, 
auf einmal von den bisherigen fremden Bedrückern und Peinigern be 
freit, an vielen Orten ihrer langverhaltenen Wut Luft machte und ver 
schiedentlich gegen die verhaßten Organe der westfälischen Regierung sich 
Ausschreitungen erlaubte, wurde aufs schärfste ermahnt, den Behörden 
weiter zu gehorchen. Aber die Aufregung im Lande wollte sich nicht 
legen, wußte man doch nun gar nicht mehr, wer eigentlich Herr im 
Lande sei. Zeder Zweifel darüber schwand für das Volk, als am 
30. Oktober sich die Nachricht in Cassel verbreitete, daß der Kur 
prinz, der an der Leipziger Befreiungsschlacht teilgenommen hatte, im 
Anzuge sei. 
Kurprinz Wilhelm hatte die Zahre der Fremdherrschaft seit 
1808 meist in und bei Berlin als Gast seines königlichen Schwagers 
zugebracht, in Ungeduld des Umschwungs der Dinge harrend und öfters 
phantastische Pläne zur Befreiung des Vaterlandes schmiedend, auf die 
aber der alte Herr in Prag nicht eingehen wollte. Regen Anteil nahm 
er 1809 an Schills Unternehmen, schloß sich im Völkerfrühling 1813 
mit leidenschaftlichem Ungestüm der Freiheitsbewegung in Preußen an, 
beteiligte sich in Breslau an der Bildung des Lützowschen Freikorps 
und erhielt in der Heeresgruppe des Grafen Porck bei Möckern die 
Feuertaufe. Mit dem Eisernen Kreuze geschmückt kam er jetzt von
	        
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