Volltext: Heimatschollen 1926-1928 (6. Jahrgang - 8. Jahrgang, 1926-1928)

„Ich hab den Wagen nicht gestrichen“, rief der Christian, 
„fünfhundertvierzig und beinen Pfennig mehr hab ich ge— 
boten. So ein fremder Kujson, der schwieg nicht und hat 
nich hineingeritten. Aber wie's so grisselich hoch war, da 
„ielt ich mein Maul, und er blieb dran hängen.“ 
Wie auf Kommando stellten sich bei dieser Nachricht 
die beiden Wagenkämpfer hoch und spitzten die Ohren. 
.Mo, Martin, wie deucht dich nun?“ fragte der Adam. 
„Ei“, rief der Martin, „mich deucht, etz sind die Kujone 
ier beisammen. Und wenn du nicht der größte Dilldappch 
ist, dann ist's der Christian, sonst hättet ihr euch beim Strich 
inmal angeguckt. Ihr habt mir das Geld aus dem Beutel 
jejuckelt, und deshalb seid ihr zwei Muhbälber. Aber das 
nag nun jsein, wie's will, etz hab ich mein Salz in der 
Suppe und werde den Wagen behalten. — Adam, und 
lleweil komm' herein und nimm dir deinen Weizen mit!“ 
Auf Heimatwegen. 
Die Willingshäuser Malerkolonie. 
VOon De. Otto Berlit-Hersfeld. Mit 14 Abbildungen. 
Schluß.) 
Es ist merkwürdig wenig bebannt, wieviel der berühmte Maler 
Ludwig Knaus Willingshausen zu vordanken hat. „Ich verkehrte 
1848 auf der Dũsseldorfer Abademie“, so erzählte später Knaus, „viel 
nit meinem Freunde 
Schreher aus Frank⸗- 
'urt, und wir beide 
lamen eines Tages 
iberein, aus Dũjsjeldorf 
zu flüchten und nach 
dem Vorgang Jabob 
Beckers und Diel- 
nanns eine Studien- 
ahrt nach der Schwalm 
zu unternehmen. In 
meiner Daterstadt 
Viesbaden haͤtte ich 
zjter Gelegenheit, ein 
eizendes Bild von 
Dielmann zu bewun— 
dern ... Das Bild 
tellte die alte Millings; 
)»aãujer Dorfschmiede 
ar, in welcher der 
weißhaarige Schmied, 
ein Stelzfuß, am Am—- 
hoß sitzt und hämmert 
und nebenbei mit zwei 
rallen Bauernmäd⸗ 
hen scherzt.“ Dieses 
Sild aljo (vgl. Abb.) 
datte Knaus fär 
Willingshausen ge— 
vonnen, von wo er 
am 31. Mai 1849 an 
eine Eltern schrieb: 
In Frankfjurt 
hielt ich mich einen 
Tag auf und fuhr 
nachher per Post 
nit Schreyer nach 
Alsfeld, direlt ins 
Land der dicken Waden. Seit drei Tagen sitzen wir hier ganz 
zjemũtlich und malen. Sowie wir uns auf der Straße jehen 
assjen, laufen uns die Kinder nach und wollen gemalt sein. Wir 
»aben also voraussichtlich noch für lange Seit zu kun, wenn wir 
das ganze Dorf verewigen wollen. Im übrigen bomme ich mit 
den Bauern ganz gut zurecht; es sind schon mehrere Waler hier 
gewesen, und die Leute sind daran gewöhnt.“ 
Der Erfolg des ersten Aufenthaltes in der Schwalm, sein 
erstes Bauernbild „Hessische Kirmes“, erlebte in Düsseldorf 
zrößte Anerkennung. Es war Knaus bald blar: er hatte ein 
Hauptgebiet seiner Kunst gefunden und war auf dem Weg, ein 
großer deutscher Bauernmaler zu werden. Mindestens zehn Mal 
hat Knaus zum Malen in Willingshausen geweilt. 
Im Juli 1858 schrieb er an seine Schwester: 
„Heute morgen um fünf Uhr bin ich von Marburg nach 
Neustadt gefahren und von da zu Fuß durch den Wald nach 
Willingshäujsen gegangen. Swei Handwerbsleute gingen den— 
jelben Weg, und einer fragte mich, als ich mich nach dem Wirt 
erbundigte: „In Schnaps?“ Ich wußte nicht, was er meinte 
und guckte ihn ganz verblüfft an. Dann fragte er: „Oder in 
Weinꝰ“ Er meinte nämlich, ob ich „in Schnaps machte“, d. h 
dem Wirt Schnaps verkaufe. 
Die guten Leute hier, die ich Lannte, habe ich meistens wieder 
jetroffen; einige sind aber auch gestorben. So namentlich der 
förster, mit dem ich wochenlang jeden Abend Schach spielte. 
Sonst ist hier alles noch beim Alten. Die Wirtschaft ist aber 
ndessen in andere Hände übergegangen, besser eingerichtet und 
at eine ganz gute Kũche. Ich sitze hier in meinem ganz schonen 
zimmerchen, wo die Schwalben aus und ein fliegen. In der 
Kirche war ich auch 
jchon heute morgen 
und habe eine jehr 
bomische Predigt ge⸗ 
hört. Ich jaß ganz 
indächtig zwischen den 
Dreimastern und sang 
mit einem ganz alten 
Bäuerchen aus dessen 
uraltem Gejsangbuch 
... Heute mittag 
ist eine halbe Stunde 
von hier Probetanz, 
wobeiĩ ich nicht fehlen 
darf, und hojfentlich 
finde ich ein paar 
gute Motive ...“ 
Seinem Freund 
Surmondt berichtet er: 
„Mein Döoörfchen ist 
wirblich reizend zwi⸗ 
jchen Wiesen und 
Wald gelegen und 
von einem schönen 
herrjchaftlichen Park 
mit den prachtvollsten 
Linden geschũtzt, jodaß 
man es wirblich lieb ge⸗ 
winnenmuß.Mehreren 
Festlichkeiten, Tänzen 
ujw. habe ich beige⸗ 
wohnt und manches 
glũckliche Motiv aufge⸗ 
schnappt, sodoß ich 
jehtMaterial in Menge 
bpor mir habe. 
Manche Lomische 
5zene habe ich Ihnen zu erzählen. So namentklich lernte ich in 
inem benachbarten Dörfchen, wo eine neue Kirche gebaut wird, 
en Pfarrer Lennen, welcher unter anderem davon sprach, wie schön 
s wäre, wenn die Stifter der Kirche, er und verschiedene Ge— 
neinderäte und Kirchenväter, auf ein Bild porträtiert und zum 
wigen Andenben in der Kirche aufgehängt würden. Er rief ein 
aar umstehende Bäuerchen herbei (es war auf dem Tanzplatz) 
ind stellte mich vor mit den Worten: „Da wäre gerade jetzt jo ein 
herr da, welchem man die Sache übertragen und so an 25 bis 30 
LTaler daran wenden bönne.“ Die Säuerchen musterten mich vom Kopf 
is zu Fuß. Da ich ihnen aber nicht viel Vertrauen einzuflößen schien, 
o gingen sie nicht recht auf die Sache ein. Es waren sonst hũbsche 
fremplare, und das Bild wäre gewiß recht interessant geworden.“ 
Die Frucht des zweiten Aufenthaltes war u. a. „Die goldene 
dochzeit“. Später folgten die echten Schwälmerbilder „Hochzeit 
iuf Keisen“ uͤnd .Begräbnis in einem hessischen Vorfer. Der 
Zantor auf dem letztgenannten Bilde war der mit Knaus jehr 
efreundete Lehrer Neusel, der stattliche Bauer auf ersterem, der 
erade den Landesherrn begrüßen will, der Bürgermeister Corell, 
on dem auch ein treffliches Bildnis überliefert ist. Ein echter 
zchwälmer ist auch derDorfprinz“, dieses selbstbewußte Bürjchchen 
or dem großen Düngerhaufen seines reichen Bauecrnvaters. 
J. F. Dielmann: Willingshäuser Dorfschmiede 1845. 
Nus Hessenkunst 1922. (M. G. Elwert⸗Derlag Marbura-Lahn.)
	        
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