„Ich hab den Wagen nicht gestrichen“, rief der Christian,
„fünfhundertvierzig und beinen Pfennig mehr hab ich ge—
boten. So ein fremder Kujson, der schwieg nicht und hat
nich hineingeritten. Aber wie's so grisselich hoch war, da
„ielt ich mein Maul, und er blieb dran hängen.“
Wie auf Kommando stellten sich bei dieser Nachricht
die beiden Wagenkämpfer hoch und spitzten die Ohren.
.Mo, Martin, wie deucht dich nun?“ fragte der Adam.
„Ei“, rief der Martin, „mich deucht, etz sind die Kujone
ier beisammen. Und wenn du nicht der größte Dilldappch
ist, dann ist's der Christian, sonst hättet ihr euch beim Strich
inmal angeguckt. Ihr habt mir das Geld aus dem Beutel
jejuckelt, und deshalb seid ihr zwei Muhbälber. Aber das
nag nun jsein, wie's will, etz hab ich mein Salz in der
Suppe und werde den Wagen behalten. — Adam, und
lleweil komm' herein und nimm dir deinen Weizen mit!“
Auf Heimatwegen.
Die Willingshäuser Malerkolonie.
VOon De. Otto Berlit-Hersfeld. Mit 14 Abbildungen.
Schluß.)
Es ist merkwürdig wenig bebannt, wieviel der berühmte Maler
Ludwig Knaus Willingshausen zu vordanken hat. „Ich verkehrte
1848 auf der Dũsseldorfer Abademie“, so erzählte später Knaus, „viel
nit meinem Freunde
Schreher aus Frank⸗-
'urt, und wir beide
lamen eines Tages
iberein, aus Dũjsjeldorf
zu flüchten und nach
dem Vorgang Jabob
Beckers und Diel-
nanns eine Studien-
ahrt nach der Schwalm
zu unternehmen. In
meiner Daterstadt
Viesbaden haͤtte ich
zjter Gelegenheit, ein
eizendes Bild von
Dielmann zu bewun—
dern ... Das Bild
tellte die alte Millings;
)»aãujer Dorfschmiede
ar, in welcher der
weißhaarige Schmied,
ein Stelzfuß, am Am—-
hoß sitzt und hämmert
und nebenbei mit zwei
rallen Bauernmäd⸗
hen scherzt.“ Dieses
Sild aljo (vgl. Abb.)
datte Knaus fär
Willingshausen ge—
vonnen, von wo er
am 31. Mai 1849 an
eine Eltern schrieb:
In Frankfjurt
hielt ich mich einen
Tag auf und fuhr
nachher per Post
nit Schreyer nach
Alsfeld, direlt ins
Land der dicken Waden. Seit drei Tagen sitzen wir hier ganz
zjemũtlich und malen. Sowie wir uns auf der Straße jehen
assjen, laufen uns die Kinder nach und wollen gemalt sein. Wir
»aben also voraussichtlich noch für lange Seit zu kun, wenn wir
das ganze Dorf verewigen wollen. Im übrigen bomme ich mit
den Bauern ganz gut zurecht; es sind schon mehrere Waler hier
gewesen, und die Leute sind daran gewöhnt.“
Der Erfolg des ersten Aufenthaltes in der Schwalm, sein
erstes Bauernbild „Hessische Kirmes“, erlebte in Düsseldorf
zrößte Anerkennung. Es war Knaus bald blar: er hatte ein
Hauptgebiet seiner Kunst gefunden und war auf dem Weg, ein
großer deutscher Bauernmaler zu werden. Mindestens zehn Mal
hat Knaus zum Malen in Willingshausen geweilt.
Im Juli 1858 schrieb er an seine Schwester:
„Heute morgen um fünf Uhr bin ich von Marburg nach
Neustadt gefahren und von da zu Fuß durch den Wald nach
Willingshäujsen gegangen. Swei Handwerbsleute gingen den—
jelben Weg, und einer fragte mich, als ich mich nach dem Wirt
erbundigte: „In Schnaps?“ Ich wußte nicht, was er meinte
und guckte ihn ganz verblüfft an. Dann fragte er: „Oder in
Weinꝰ“ Er meinte nämlich, ob ich „in Schnaps machte“, d. h
dem Wirt Schnaps verkaufe.
Die guten Leute hier, die ich Lannte, habe ich meistens wieder
jetroffen; einige sind aber auch gestorben. So namentlich der
förster, mit dem ich wochenlang jeden Abend Schach spielte.
Sonst ist hier alles noch beim Alten. Die Wirtschaft ist aber
ndessen in andere Hände übergegangen, besser eingerichtet und
at eine ganz gute Kũche. Ich sitze hier in meinem ganz schonen
zimmerchen, wo die Schwalben aus und ein fliegen. In der
Kirche war ich auch
jchon heute morgen
und habe eine jehr
bomische Predigt ge⸗
hört. Ich jaß ganz
indächtig zwischen den
Dreimastern und sang
mit einem ganz alten
Bäuerchen aus dessen
uraltem Gejsangbuch
... Heute mittag
ist eine halbe Stunde
von hier Probetanz,
wobeiĩ ich nicht fehlen
darf, und hojfentlich
finde ich ein paar
gute Motive ...“
Seinem Freund
Surmondt berichtet er:
„Mein Döoörfchen ist
wirblich reizend zwi⸗
jchen Wiesen und
Wald gelegen und
von einem schönen
herrjchaftlichen Park
mit den prachtvollsten
Linden geschũtzt, jodaß
man es wirblich lieb ge⸗
winnenmuß.Mehreren
Festlichkeiten, Tänzen
ujw. habe ich beige⸗
wohnt und manches
glũckliche Motiv aufge⸗
schnappt, sodoß ich
jehtMaterial in Menge
bpor mir habe.
Manche Lomische
5zene habe ich Ihnen zu erzählen. So namentklich lernte ich in
inem benachbarten Dörfchen, wo eine neue Kirche gebaut wird,
en Pfarrer Lennen, welcher unter anderem davon sprach, wie schön
s wäre, wenn die Stifter der Kirche, er und verschiedene Ge—
neinderäte und Kirchenväter, auf ein Bild porträtiert und zum
wigen Andenben in der Kirche aufgehängt würden. Er rief ein
aar umstehende Bäuerchen herbei (es war auf dem Tanzplatz)
ind stellte mich vor mit den Worten: „Da wäre gerade jetzt jo ein
herr da, welchem man die Sache übertragen und so an 25 bis 30
LTaler daran wenden bönne.“ Die Säuerchen musterten mich vom Kopf
is zu Fuß. Da ich ihnen aber nicht viel Vertrauen einzuflößen schien,
o gingen sie nicht recht auf die Sache ein. Es waren sonst hũbsche
fremplare, und das Bild wäre gewiß recht interessant geworden.“
Die Frucht des zweiten Aufenthaltes war u. a. „Die goldene
dochzeit“. Später folgten die echten Schwälmerbilder „Hochzeit
iuf Keisen“ uͤnd .Begräbnis in einem hessischen Vorfer. Der
Zantor auf dem letztgenannten Bilde war der mit Knaus jehr
efreundete Lehrer Neusel, der stattliche Bauer auf ersterem, der
erade den Landesherrn begrüßen will, der Bürgermeister Corell,
on dem auch ein treffliches Bildnis überliefert ist. Ein echter
zchwälmer ist auch derDorfprinz“, dieses selbstbewußte Bürjchchen
or dem großen Düngerhaufen seines reichen Bauecrnvaters.
J. F. Dielmann: Willingshäuser Dorfschmiede 1845.
Nus Hessenkunst 1922. (M. G. Elwert⸗Derlag Marbura-Lahn.)