lebendigen, fort und fort sich verbreitenden und verästelnden,
blühenden und fruchtenden Keichtum, den er sein eigen nennen
darf und der ihm die Gewißheit gibt, daß sein Dolk noch
lange nicht zum Antergang bestimmt ist. And alles dies
gilt von Hessen in ganz besonderem Waße.
Hossens Anteil an der deutschen Nationalliteratur der
Gegenwart liefert in der Tat einen überwältigenden Gegen-
beweis zu der Behauptung, das Hessenland wäre geistig
unfruchtbar. Diesjer Gegenbeweis wird in einer demnächst
erscheinenden Schrift „Heutige deutsche Dichtung in Hessen“
näher erläutert werden. Die Dichtung der Heimat, in deren
ielstimmigem Konzert die Heimatdichtung nur eine einzige.
anfte Stimme ist, hat in Hessen gerade jetzt einen so be—
eutenden Umfang angenommen, die Teilnahme der Hessen
im gegenwärtigen deutschen Schrifttum ist so stark, daß es
ich allerdings verlohnt, ihr eine eingehende Untersuchung
zu widmen, und nicht zuletzt auch in der Hoffnung, neben
dem berechtigten Stolz auf die geistige Schöpferkraft der
heimat auch das Pflichtgefühl gegenüber den lebenden und
oten Repräsentanten dieser Schöpferbraft neu zu beleben.
Wahres und Anderes
von Wilhelm Spechk.
Am ersten Pfingsttag dieses Jahres ist in Orferode am
Meißner unter einer siebenhundertjährigen Linde ein Kuhe-
platz eingeweiht worden, der dem Gedächtnis Wilhelm
Specks gewidmet ist. Nicht so sehr, weil die Vorfahren
des Dichters dort gehaust haben, als um des „Joggeli“
willen, der in Orferode leiblich gelebt und an einem ersten
Pfingfttag seine Lebensgefährtin gefunden hat. Der Bruder
des verstorbenen Dichters, Fabribdirektor Otto Speck, wußte
seinerzeit von dem harmo—
nijchen Verlauf der gemüt—
poll schlichten Feier, an der die
Sebölkerung der ganzen
Gegend beteiligt war, an—
schaulich zu erzählen. Er fand
hierbei Gelegenheit, seiner
ODerwunderung Ausdruck zu
geben über einen Aufsatz, den
C. F. van Vleuten in Heft 8
der „Literatur“ über Wilhelm
Speck veröffentlicht hat. Dieser
Aufjatz enthält tatsächlich so
viele Derzeichnungen des
Charabterbildes von Wilhelm
Speck, daß eine Korrebtur
unerläßlich erscheint.
Schon die besondere Hervorhebung von Orferode (nicht
Orpherode) ist schief, denn der Heimat- und Geburtsort
Specks ist Großalmerode. Auch ist es unrichtig, den Be—
such Orferodes durch Speck als „das Salz seines Daseins“
zu bezeichnen. In Wirblichkeit ist er, wie sein Bruder
jagte, nur in der Jugend dort gewesen und später „aum
einmal“ wieder hingekommen. Ganz unrichtig ist auch die
Darstellung, als ob der Dichter „wochenlang jeden Abend
mit den BSauern auf der Bank“ gesessen und mit ihnen
aus Herzensneigung innig verbehrt hätte. Das Umgebehrte
ist eher der Fall. Speck, von Haus aus bein Landmann und
durch seinen Lebensweg erst recht von dieser Seinsart entfernt,
hatte gar bein inneres, persönliches Verhältnis zu den Land-
hewohnern, und daß er es, nach seinem Austritt aus dem Ge⸗
fängnisdienst, als Landpfarrer in Simmersrode nicht gewinnen
bonnte und von den Landleuten noch weniger verstanden wurde,
Frau Sophiens Handschuh 0 Von E. Gonnermann.
ils er selbst sie verstand, hat zweifellos den Eintritt der
chweren Erbrankung beschleunigt, die ihn übrigens nicht nur
er Sprache beraubte, sondern, was beinahe noch schlimmer
vpar, auch der Möglichbeit, zu schreiben; denn er war rechts
eitig gelähmt. Nach alledem bann auch die Wendung,
5pecks Hand wäre anzusehen gewesen, daß „sie fast lieber
ioch eine Bauernhand' als eine Dichterhand hätte sein
nögen, bei den persönlichen Freunden des Dichters nur
Kopfschũtteln hervorrufen,
was denn auch in der Tat
mehrfach in Erscheinung ge—
reten ist.
Nein, Wilhelm Speck war
ein ausgesprochener Stadt—
mensch, eine viel zu differen⸗
ziert angelegte Natur, als daß
er aufs Land und unter die
natürliche, urwüchsige Derb⸗
heit und Schlichtheit seiner
BSewohner gepaßt hätte. In
einen Büchern findet sich auch
zar nichts Kustikales, und
wenn er einen Joggeli zeichnen
und auch sonst zuweilen die
stadtferne Landschaft mit ihren
Bewohnern schildern bonnte, so war das die Frucht früherer
Berührung mit dem Landleben, die späterhin zu juchen
urchaus nicht seine Gepflogenheit war. Keinem seiner
fFreunde und Bebannten wird es darum einfallen, ihn
iuf den neben den Haustreppen stehenden Steinbänken
er hessijschen Dörfer zu vermissen. Schmerzlich macht
ich hingegen, von allem anderen ganz zu schweigen, der
eere Platz bemerbbar, den er an einigen Casseler Tafel-
unden hinterlassen hat, wo übrigens nichts davon bebannt
st, daß er die Angewohnheit gehabt hätte, schwarze Sigarren
u rauchen und an ihnen herumzubeißen. Die an sich
weifellos gutgemeinten Erinnerungen C. F. van Vleutens
nüssen sonach zum Teil auf Irrtümern oder Derwechslungen
eruhen. Sie richtigzustellen, erschien als eine unabweis-
iche Pflicht dem Toten gegenüber. der es selbst nicht mehr
ꝛermag. —A
Orferode.
Ihr ehrlich Kecht zu wahren
Auf VDätererb und Land,
Trotzt Feinden und Gefahren
Sophia von Brabant.
Der Wartburg galt das Kingen,
Wo Heil'ge sie gewiegt,
Sich offen Tor erzwingen
Sah man sie unbesiegt!
Und Heinrich, Herrn von Meißen,
Den Muntwalt ungetreu,
Hieß näher Erbrecht weisen
HDor Gott sie ohne Scheu.
Er schwur mit zwanzig Kittern,
Sein eigen wär der Grund!
Doll Ohnmacht und Erbittern
WVard des Verrats sie kund.