Volltext: Heimatschollen 1921-1925 (1. Jahrgang - 5. Jahrgang, 1921-1925)

lebendigen, fort und fort sich verbreitenden und verästelnden, 
blühenden und fruchtenden Keichtum, den er sein eigen nennen 
darf und der ihm die Gewißheit gibt, daß sein Dolk noch 
lange nicht zum Antergang bestimmt ist. And alles dies 
gilt von Hessen in ganz besonderem Waße. 
Hossens Anteil an der deutschen Nationalliteratur der 
Gegenwart liefert in der Tat einen überwältigenden Gegen- 
beweis zu der Behauptung, das Hessenland wäre geistig 
unfruchtbar. Diesjer Gegenbeweis wird in einer demnächst 
erscheinenden Schrift „Heutige deutsche Dichtung in Hessen“ 
näher erläutert werden. Die Dichtung der Heimat, in deren 
ielstimmigem Konzert die Heimatdichtung nur eine einzige. 
anfte Stimme ist, hat in Hessen gerade jetzt einen so be— 
eutenden Umfang angenommen, die Teilnahme der Hessen 
im gegenwärtigen deutschen Schrifttum ist so stark, daß es 
ich allerdings verlohnt, ihr eine eingehende Untersuchung 
zu widmen, und nicht zuletzt auch in der Hoffnung, neben 
dem berechtigten Stolz auf die geistige Schöpferkraft der 
heimat auch das Pflichtgefühl gegenüber den lebenden und 
oten Repräsentanten dieser Schöpferbraft neu zu beleben. 
Wahres und Anderes 
von Wilhelm Spechk. 
Am ersten Pfingsttag dieses Jahres ist in Orferode am 
Meißner unter einer siebenhundertjährigen Linde ein Kuhe- 
platz eingeweiht worden, der dem Gedächtnis Wilhelm 
Specks gewidmet ist. Nicht so sehr, weil die Vorfahren 
des Dichters dort gehaust haben, als um des „Joggeli“ 
willen, der in Orferode leiblich gelebt und an einem ersten 
Pfingfttag seine Lebensgefährtin gefunden hat. Der Bruder 
des verstorbenen Dichters, Fabribdirektor Otto Speck, wußte 
seinerzeit von dem harmo— 
nijchen Verlauf der gemüt— 
poll schlichten Feier, an der die 
Sebölkerung der ganzen 
Gegend beteiligt war, an— 
schaulich zu erzählen. Er fand 
hierbei Gelegenheit, seiner 
ODerwunderung Ausdruck zu 
geben über einen Aufsatz, den 
C. F. van Vleuten in Heft 8 
der „Literatur“ über Wilhelm 
Speck veröffentlicht hat. Dieser 
Aufjatz enthält tatsächlich so 
viele Derzeichnungen des 
Charabterbildes von Wilhelm 
Speck, daß eine Korrebtur 
unerläßlich erscheint. 
Schon die besondere Hervorhebung von Orferode (nicht 
Orpherode) ist schief, denn der Heimat- und Geburtsort 
Specks ist Großalmerode. Auch ist es unrichtig, den Be— 
such Orferodes durch Speck als „das Salz seines Daseins“ 
zu bezeichnen. In Wirblichkeit ist er, wie sein Bruder 
jagte, nur in der Jugend dort gewesen und später „aum 
einmal“ wieder hingekommen. Ganz unrichtig ist auch die 
Darstellung, als ob der Dichter „wochenlang jeden Abend 
mit den BSauern auf der Bank“ gesessen und mit ihnen 
aus Herzensneigung innig verbehrt hätte. Das Umgebehrte 
ist eher der Fall. Speck, von Haus aus bein Landmann und 
durch seinen Lebensweg erst recht von dieser Seinsart entfernt, 
hatte gar bein inneres, persönliches Verhältnis zu den Land- 
hewohnern, und daß er es, nach seinem Austritt aus dem Ge⸗ 
fängnisdienst, als Landpfarrer in Simmersrode nicht gewinnen 
bonnte und von den Landleuten noch weniger verstanden wurde, 
Frau Sophiens Handschuh 0 Von E. Gonnermann. 
ils er selbst sie verstand, hat zweifellos den Eintritt der 
chweren Erbrankung beschleunigt, die ihn übrigens nicht nur 
er Sprache beraubte, sondern, was beinahe noch schlimmer 
vpar, auch der Möglichbeit, zu schreiben; denn er war rechts 
eitig gelähmt. Nach alledem bann auch die Wendung, 
5pecks Hand wäre anzusehen gewesen, daß „sie fast lieber 
ioch eine Bauernhand' als eine Dichterhand hätte sein 
nögen, bei den persönlichen Freunden des Dichters nur 
Kopfschũtteln hervorrufen, 
was denn auch in der Tat 
mehrfach in Erscheinung ge— 
reten ist. 
Nein, Wilhelm Speck war 
ein ausgesprochener Stadt— 
mensch, eine viel zu differen⸗ 
ziert angelegte Natur, als daß 
er aufs Land und unter die 
natürliche, urwüchsige Derb⸗ 
heit und Schlichtheit seiner 
BSewohner gepaßt hätte. In 
einen Büchern findet sich auch 
zar nichts Kustikales, und 
wenn er einen Joggeli zeichnen 
und auch sonst zuweilen die 
stadtferne Landschaft mit ihren 
Bewohnern schildern bonnte, so war das die Frucht früherer 
Berührung mit dem Landleben, die späterhin zu juchen 
urchaus nicht seine Gepflogenheit war. Keinem seiner 
fFreunde und Bebannten wird es darum einfallen, ihn 
iuf den neben den Haustreppen stehenden Steinbänken 
er hessijschen Dörfer zu vermissen. Schmerzlich macht 
ich hingegen, von allem anderen ganz zu schweigen, der 
eere Platz bemerbbar, den er an einigen Casseler Tafel- 
unden hinterlassen hat, wo übrigens nichts davon bebannt 
st, daß er die Angewohnheit gehabt hätte, schwarze Sigarren 
u rauchen und an ihnen herumzubeißen. Die an sich 
weifellos gutgemeinten Erinnerungen C. F. van Vleutens 
nüssen sonach zum Teil auf Irrtümern oder Derwechslungen 
eruhen. Sie richtigzustellen, erschien als eine unabweis- 
iche Pflicht dem Toten gegenüber. der es selbst nicht mehr 
ꝛermag. —A 
Orferode. 
Ihr ehrlich Kecht zu wahren 
Auf VDätererb und Land, 
Trotzt Feinden und Gefahren 
Sophia von Brabant. 
Der Wartburg galt das Kingen, 
Wo Heil'ge sie gewiegt, 
Sich offen Tor erzwingen 
Sah man sie unbesiegt! 
Und Heinrich, Herrn von Meißen, 
Den Muntwalt ungetreu, 
Hieß näher Erbrecht weisen 
HDor Gott sie ohne Scheu. 
Er schwur mit zwanzig Kittern, 
Sein eigen wär der Grund! 
Doll Ohnmacht und Erbittern 
WVard des Verrats sie kund.
	        
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