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Wieder war's Frühling geworden, wieder blühten die
Anemonen und Veilchen, und die Schafe grasten am Berg-
rain, und der Buchfink schmetterte seine Frühlingsfanfaren.
Im blühenden Garten neben der neuaufgebauten Wald-
mühle spielen zwei blonde Knaben, die Kinder von Paul
Waldmüller. Den Fußpfad herauf steigt ein Wanderer,
und wie er der Kleinen ansichtig wird, schleicht er auf den
Fußspitzen hinzu, um sie bei ihrem Tun und Treiben zu
belauschen.
Es ist Hans Kenner. Ein berühmter Musiker ist aus
ihm geworden, wie sein vor Jahresfrist verstorbener erster
Lehrer im Geigenspiele, Leonardi, oftmals vorausgesagt
hat. Seine Konzerte gehören zu den besuchtesten, und
eine Kompositionen genießen allgemeinen Beifall.
„Siehst du, Hans,“ sagte der älteste der Knaben,
„morgen ist Ostern, und dann gibt's Eier vom Has'!“
„Und dann bommt der Pedder,“ jubelte der Kleinste,
„und der bringt mir ein Pferd mit.“
„Sollst du haben,“ ertönte in diesem Augenblicke die
Baßstimme dessen, von dem sich die Kinder unterhielten.
Wie sprangen da die Kleinen auf und hingen sich zutraulich
an jeine Hände, obwohl sie ihn nur einmal gesehen hatten,
als sie ihr Vater zu einem Konzerte mitgenommen hatte,
das Hans Kenner in Kassel gab. „Su wem wollen wir
zuerst,“ fragte Kenner, „jum Dater oder zur Wase Els?“
„Was' Els,“ entschieden sich die Knaben. And so geschah's.
Sie stand am Herde im ebenfalls abgebrannten und
wieder neu erbauten Häuschen, das ehemals Wurzelbast
oewohnte. War's das flackernde Feuer oder die innere
Erregung, die ihr so liebliche Kosen auf die Wangen zauberte,
als sie ihres dereinstigen Geliebten ansichtig wurde?
„Sei willkommen!“ damit reichte sie Hans die Hand.
„Sei von Herzen willkommen!“
„Ei,“ sagte Kenner — auch er bezwang sein Herz
gewaltsam — „hier sind ja schöne Deränderungen vor sich
Der Tod und der Künstler 6
Der Tod tritt lautlos wie ein düstrer Traum
Zum Meister in den hellen Arbeitsraum.
Der führt den Seichenstift in seiner Art
Heruhig, fest, dabei doch weich und zart.
Ein fein jung Mägdlein hat er Lonterfeit,
VDie eine Kose schön zur Sommerzeit.
Doch hinter sie hat er den Tod gestellt,
Sodaß sein Schatten schauernd auf sie fällt.
Unruhig wird der Meister, kommt in Hast,
Als fiel auch auf ihn selbst ein tiefer Schatten.
Doch will er weiter schaffen ohn' Ermatten.
Er weiß noch nichts von seinem stummen Gast,
So wie auf seinem Bild die junge Magd.
Der Tod blickt ruhsam auf die Staffelei,
Zu sehen, was des Künstlers Vorwurf sei.
Und was er sieht, das hat ihm wohlbehagt:
„Ei sieh, wie gut du mich gebildet hast!“
Der Meister schrickt leicht auf, er wendet sich
Zurück zu seinem ungebetnen Gast
Und sieht ihn lächeln: „Freund, wie freut es mich,
Daß du mir solch ein holdes Gegenüber schufst
Und mich nicht grad zu grauen Sündern ruffst.
Du hast mich gern als Menschenfreund gestaltet,
egangen in den paar Jahren, da ich die Mühle nicht
esehen habe. Swar hat mir Paul mancherlei erzählt und
eschrieben, aber die Wirklichbeit sieht denn doch ein wenig
inders aus, als das Bild, das man sich in Gedanben malt.
steu aufgebaut die Mühle, und du und Dater und Mutter,
he wohnt in einem schmuchken Häuschen, das an ver
5telle steht, wo die wackelige Hütte stand, in der jener
inheimliche Geselle, der Wurzelbast, sein lichtscheues Wesen
rieb.
Wie das alles so freundlich ausschaut, als ob es einem
uflüstern wollte: Hier hänge dein Känzel ab, hier darfst
u rasten! .....“
Els lächelte, und auf ihrem Gesichte stand mancherlei
eschrieben, das er sich zu seinen Gunsten auslegte, so daß
x immer fröhlicher erzählte und scherzte.
Die Knaben hatten währenddessen in der Mühle Alarm
eschlagen. Jetzt erschienen auch Paul und seine junge
Frau!
Wie fühlten sich alle so glücklich beieinander! So sitzt
er Schiffer nach sturmgefährdeter Fahrt bei den lieben
zeinen und erzählt ihnen von den Schrecknissen des erlebten
Anwoetters.
Und als Hans nach einigen Tagen Abschied nahm, um
ils Kapellmeister am Wiesbadener Theater einzutreten, da
agte er zu Els: „Leb wohl auf diesmal, und wenn ich da
raußen in der Welt müde bin, dann weiß ich nun ein
NRätzchen, wo ich ausruhen bann, und wenn die Schwalben
pieder Lommen, dann — —“ das Weitere flüsterte er ihr
ns Ohr, aber der freundliche Leser und besonders die
höne Lejserin, die getreulich bis hierher gefolgt sind, wissen
rotzdem, was es gewesen sein mag. Sollte aber jemand
m Unblaren sein, dem möge der Kuß, den er ihr dabei
nuf den Mund drückte, verraten, daß er ihr zuflüsterte: „Ade,
nein Lieb, wenn die Schwalben wiederkommen, dann wirst
du mein Weib nach alle den Stürmen und Kämpfen, die
iber dein armes Herz dahingebraust sind — um Haus
ind Hof. ..“
Von Heinrich Kuppel—
Wie du mich kanntest, wie ich ewig bin.
Ich ging, mich wandelnd, durch dein Wesen hin,
Hab deine Kräfte für das Sein entfjaltet.
Jaja, wir zwei, wir sahen uns schon oft,
Und bomm ich dir auch heute unverhofft,
So wisse, daß bedeutsam meine Sendung:
Ich führ dich, lieber Meister, zur Vollendung!
Nun gehe du ganz in mein Wesen ein!
Mas zittert deine Hand? Mußt ruhig sein!
Komm, setz dich, Freund! Du fühlst dich müd und matt.
Mag's Studie bleiben, dies dein letztes Blatt.
Frei wird dein Blick nun für verklärte Schöne;
Unirdisch feine, warme Farbentöne
Erblühen dir, harmonisch abgestimmt.
Wie Abendrot, das auf den Wellen schwimmt.
Und Linien werden, weich und schwingend groß;
Dein Auge reißt sich bkaum von ihnen los.
All deine Schönheitssehnsucht ist gestillt
Hor diesem Bildl!“
Der Meister sitzt im Stuhl, ganz unbewegt.
Der Tod neigt sich zu ihm hinab und legt
Die Hand aufs Herz ihm: „Sol schon ist's getan!
Ich hielt nur leicht des Lebens Pendel an.“