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Dr. Naso trug leicht an der allgemeinen Per- '
achtung. „Wenn die Herren nicht mit mir
sprechen wollen, so sind mir die Männer gut
genug", pflegte er zn sagen »nd besuchte ein
Gasthaus niederen Ranges, wo seine Witze viel- !
leicht noch mehr gewürdigt wurden.
Der Grund des plötzlichen Umschlages war
folgender:
Das just eine Treppe tiefer der Wohnung des
Doktors gegenüber befindliche Logis bewohnte ,
der Rentmeister des Ortes, der ebenfalls ein Jung
geselle in den höheren Semestern war, außerdem aber !
in jeder Beziehung das gerade Gegentheil des
Doktors. Huldigte letzterer entschieden plebejischen
Neigungen, so war der Rentmeister eine durch
aus aristokratisch angelegte Natur. Man hatte
ihn nie in Gesellschaft eines unter ihm Stehen- !
den.gesehen, sein Rock war musterhaft zugeknöpft,
sein weißes Faltenhemd — der Doktor trug j
eins von grauem Hausmacher-Leinen mit einem s
riesigen Porzellanknopf als Schluß — war von
blendendem Weiß und was vor allem den Mann kenn
zeichnete : er giug stets im Cylinderhut, wobei
eben Glacs's unerläßlich sind. Seine Zimmer
wurden von einer Haushälterin in peinlicher
Sauberkeit erhalten, seine Gewohnheiten waren
von der pünktlichsten Regelmäßigkeit, in seiner
Art und Weise zu reden, lag etwas Geziertes,
Pedantisches.
Mit dem' Doktor hatte er trotzdem stets auf
gutem Fuße gestanden. Er war überhaupt einer
jener Menschen, die mit allen hinkommen, weil
sie nie eine eigene Meinung vertreten und in
der Unterhaltung selten über das: „Wie stehts?
und „Wie gehts" hinauskommen. Eine gewisse
innere Feigheit hält solche Menschen ab ihr >
wirkliches „Jch",^von dem sich übrigens so viel j
als möglich verflüchtigt zu habe» pflegt, darzu- '
legen. Deshalb war der Rentmeister bei denen,
welche in der kleinen Stadt als erste Sterne
glänzten, natürlich beliebt. Der Landrath enga-
girte ihn gern zu einer Partie Schach, weil er
dann stets die Genugthung hatte, zu gewinnen,
und der KreiS-richter, welcher den Widerspruch
haßte, politisirte mit Vorliebe mit ihm, weil er
sicher war, beidem Rentmeister auf keinen Gegner
zu stoßen; er war eben einer jener ausgezeichnet
höflichen Menschen, die es besonders Höher
stehenden gegenüber für unfein finden, eine eigene !
Ansicht der Dinge zu haben oder doch festzuhalten.
Der Rentmeister verkehrte in den besten Familien,
er fehlte in keinem Abendzirkel. Wenn auch !
seine Unterhaltung nicht gerade glänzend war,
so dienten doch sein tadelloser Frack, seine weiße
Atlasbinde und seine fortwährenden verbindlichen
Verbeugungen jedem Feste als willkommene
Staffage.
Einige nicht mehr in erster Jugendblüthe
stehenden Jungfrauen hatten ihr Herz an ihn
verloren und würden die Hc.nd gern mit in den
Kauf gegeben haben, — allein der Rentmeister,
obwohl seinem Benehmen nach kein Damenfeind,
besaß eine merkwürdige Gewandtheit darin, den
Kopf im geeigneten Augenblicke wieder aus den
Schlingen zu zu ziehen, welche man durch häu
fige Einladungen zu Gänsebraten und zu den
höchsten Familienfesten der kleinen Stadt, welche
man mit dem sinnigen Namen „Wurstesuppen"
bezeichnet, ihm zu legen pflegte. Wußte er doch
wohl, daß die Sorge Frau und Kinder zu er
nähren, ihm nicht mehr erlauben würde, ganz
nach seinem „Gusto", wie Dr. Naso sagte zu
leben. Das erwähnte geschickte Manövriren
hatte übrigens dem Rentmeister bei der jüngeren
Generation des Städtchens den Namen „Familien-
täuschcr" eingetragen.
Ueber einen Punkt war der Rentmeister be
sonders schweigsam: er berührte niemals seine
Familienverhältnisse. Man wußte, daß seine
Wiege in irgend einem Dorfe des hessischen
Vaterlandes gestanden; alleill Vater, Mutter,
Brüder, Schwestern schien er auf der Welt nicht
mehr zu haben, — auch keine Tanten und Cou
sinen, was jedenfalls noch auffälliger n>ar.
Die Kleinstädter hatten eigentlich über diese
Verschlossenheit des Rentmeisters noch nie nach
gedacht. Er war eben da, uud schon io lange
dagewesen, daß man vergaß, daß er auch ein
mal geboren worden war und einer Mutter als
kleiner Bube in den Armen gelegen hatte — man
nahin ihn als ein Fertiges, immer Bestanden
habendes. Man sah ihn alle Tage und er be
zahlte seinen Schuster, seinen Schneider. Sein
Schritt und sein Leben blieben stets in demselben
Tempo. Die Phantasiereichsten hätten hinter seiner
Physiognomie keine „Vergangenheit" ocsucht.
Eines Abends stieg der Doktor, welcher eben
von seiner Landpraxis heimgekehrt war, die Treppe
hinaus, um dem alten Flickfräulein in der Man
sarde, das plötzlich erkrankt war, noch einen Be
such abzustatten. Die Küchenthüre des Rent
meisters war halb geöffnet und beim Scheine des
Herdfeuers sah er eine alte Bäuerin sitzen, welche
den Kopf in ihrer Schürze verborgen hielt und leise
schluchzte. (Schluß folgt.)