Full text: Kurhessischer Kalender (1830-1835)

zu heilen. Die Ursache wird also wohl hier, wie 
bei mehreren bösen Gewohnheiten, in derNach- 
ahmungösucht, wozu der Deutsche sosehr geneigt 
ist, zu finden seyn. Ehrenvoll ist aber wohl solche 
für eine aufgeklärte Nation auf keine Weise« 
B. In mehreren Ländern sollen ja sogar auch 
Weiber rauchen? Dieses will mir aber noch 
weniger, als bei Mannsleuten gefallen. 
F. Ja, im Hannoverschen und vielleicht in 
noch mehreren andern Ländern, wird von Weibs 
leuten geraucht, aber doch wohl nirgends bei 
gebildeten christlichen Frauen hat bis jetzt 
die Tabakspfeife Eingang gefunden, und unsere 
Achtung muß sich auch in dieser Hinsicht gegen 
dieses Geschlecht vermehren. 
B. Was wollten aber unsere Kaufleute an 
fangen, wenn das Labaksrauchen aufhörte, und 
der Tabak aus dem Handel verschwände? 
F. Er glaubt also, denn könnte der Handel 
nicht bestehen. 
B. Ja, das meine ich. 
F. Freilich würde diesem, durch diesen Artikel 
Abbruch geschehen, aber sollen wir denn auf 
Kosten unserer Gesundheit den Handel beför 
dern? In der Apotheke müßte derselbe doch im 
mer als Arzneimittel zu haben seyn. Er raucht 
wahrscheinlich wohlfeilen Tabak, aber wenn er 
das Geld, welches er in den z8 Jahren dafür 
ausgegeben hat, noch zusammen hätte, so möchte 
er doch wohl, bei dem jetzigen Preise, ein hübsches 
Stückchen Land ankaufen können, oder sich 
solches zu einem sonst nützlichen Zwecke anwen 
den lassen. 
B. Freilich wohl und wenn man solchen selber 
zieht, so kostet er doch Land und Mühe, und 
beides kann man besser anwenden. Ich rauche 
mehrst Brotteröder, doch mitunter auch, wenn 
ich mir etwas zu gut thun will, ein Packetchen 
Brieftabak, doch immer von der wohlfeilsten 
Sorte. Letzthin stopfte ich einmal mitunserm Herrn 
Pfarrer und der sagte, es wäre viergilischer. 
F. Virginischer will er sagen. Der mehrste 
Tabak und der beste kommt ausser Land, das 
Geld dafür geht fort und kommt nicht wieder, 
daher muß ein Ort, wo viel Geld ausgegeben 
wird, was ausser Land geht, vorzugsweise arm 
werden. 
B. Freilich muß dieses wohl wahr seyn; es 
giebt aber auch ausser Tabak, noch mehrere an 
dere Sachen, die wir, wenn wir wollten, ent 
behren könnten, und die viel Geld kosten. 
F. Ja wohl, zum Beispiel Zucker, Kaffee und 
-st eine jede Art von Gewürzen; doch über alle 
ese Gegenstände hier zu sprechen, würde uns 
zu weit führen und der heutige Abend, ob er 
gleich lang ist, würde doch zu kurz werden ^da 
her wollen wir es nur bei dem Tabake lassen, 
und schließlich nur noch den wiederholten ernst 
lichen Rath, seinen Heinrich genau zu beobach 
ten; desgleichen auch auf jeinen Peter, den 
nun auch bald die Lüsternheit zur Tabakspfeife 
anwandeln könnte, ein wachsames Auge zu 
haben, und nöthigenfalls lasse er diese Bursche 
die väterliche Gewalt fühlen. Wäre ich indessen 
in einem Lande Gewalthaber, so würde ich, ob 
mich gleich bei jeder Sleuerauflage ein geheimer 
Fieberschauer anwandelt, dennoch daselbst eine 
Luxussteuer einführen, wo die Tabakspfeife, 
falsche Haarlocken, da wo noch eigene Haare am 
Kopfe, wenn auch nicht von beliebiger Farbe, 
vorhanden sind; auch vorzüglich die Korsets, 
(Schnürbrüste) und alle solche Gegenstände, 
welche die Gesundheit und die freie Verrichtung 
des Körpers beeinträchtigen, oben anstehn sollten. 
B. Ja die Leute mit den krummen Haaren 
sehen aus wie Pudelköpfe, aber die Schnürbrüste 
brauchen doch wohl nur Leute, welche verwachsen 
sind?, 
F. O nein, auch völlig Gesunde schnüren sich 
der Gestalt ein, daß sie wie Wespen, in der 
Mitte dünne, unken und oben aber dick sind, 
und dann erst verwachsen. 
B. Ach lieber Gott. — 
F. Doch weiter von der bemerkten Steuer; 
diese sollte nun zu nichts anders, a s zu einer 
Armenkasse, für arme Kranke auf dem platten 
Lande, für welche noch nicht hinreichend gesorgt 
ist, verwendet werden; wobei es mir eine große 
Freude gewähren würde, wenn daraus auch 
armen Bruch-Patienten, die keins Bruchbänder 
bezahlen können, und sich so selbst überlassen, 
bei ihrer schweren Arbeit, in beständiger Lebens 
gefahr schweben, ihrem Zustande angemessene, 
bequeme Bänder angeschaft werden könnten. 
B. Auf jeden Fall will ich dafür sorgen, daß 
meine Jungen, so lange ich noch lebe, keinen 
Tabak rauchen sollen, daher auch keine Luxus 
steuer zu bezahlen brauchen. Ich aber, da ich 
nun wohl bis zu meinem Lebensende fortrauchen 
werde, will meinen Antheil Steuer dem armen 
P., den er kürzlich an einem eingeklemmten Bruch 
operirt hat, durch eine Metze Korn überschicken. 
Die brave Hausfrau anwesend, erwiederte hier 
auf, ja er soll solche haben, und ich werde auch 
noch etwas zu kochen überschicken. 
F. Bravo und nun Gott befohlen, es ist Zeit, 
daß die Spinner, also auch die Faullenzer nach 
Hause gehen.
	        

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