Full text: Kurhessischer Kalender (1830-1835)

abhängt. Mir kommt immer duö Rauchen unter 
allen üblen Gewohnheiten am widernatürlichsten 
vor. So wie er versichert, bekommt ihm jetzt 
das Rauchen gut, weil er es gewohnt ist, wie 
aber bekamen ihm denn die Paar ersten Pfeifen? 
B. Nun ja, das erinnere ich mich noch, daß 
mir damals übel wurde und ich mich auch habe 
erbrechen müssen. 
F. Nicht wahr, aber er setzte es doch durch; 
indem er fort rauchte, bis ihm nicht mehr übel 
wurde, und aufdiese Art können wir uns das Aller 
schädlichste, ja nach und nach Gift angewöhnen. 
B. Das wäre! doch ich glaube es, ob ich mir 
gleich solches nicht so begreiflich machen kann und 
mir lieb seyn würde, wenn er mir dieses naher 
erklärte. 
F. Nachher, jetzt aber antworte er mir nur 
auf meineFrage. Da er nun das Rauchen lernte, 
was für einen Zweck wollte er denn eigentlich 
damit erreichen? Nicht wahr den, welchen alle 
Raucher erreichen, nämlich gar keinen. Denke 
er sich doch nur einmal, nie einen Menschen 
Tabak rauchen gesehen, nur allenfalls etwas 
davon gehört zu haben, auf einmal nun aber 
erschien ein oder mehrere Menschen, mit einer 
Rauchröhre (Tabakspfeife) im Munde, die von 
Zeit zu Zeit den Mund öffnen, um dem Rauch 
Ausgang zu verschaffen ; würden nicht die Kinder 
hinter diesen Leuten herlaufen? Bejahrte Men 
schen aber würden fragen: wozu dienet denn 
wohl dieses Rauchspeien? Wenn sie denn hörten, 
u durchaus nichts, sondern, daß den armen 
ernenden stets jämmerlich wird, solches ihnen 
Schwindel, Erbrechen und dergleichen verursache, 
so würden „diese und auch er, mein lieber B., 
sagen, diese Menschen müssen aber noch sehr 
roh und ungesittet seyn, die machen ja ihren 
Mund zu einem Schornsteine. 
B. Da hat er recht, wer es nicht mehr gesehen 
hätte, der müßte lachen und ich gestehe, daß mich 
das hier gesagte bewegen könnte, das Rauchen 
wieder eingehen zu lassen, wenn ich nur noch 
jung uud sich eine so alte Gewohnheit leicht wie 
der abzugewöhnen wäre. 
F. Ich habe hierbei auch nicht die Absicht, ihn 
zu einer so großen Ueberwindung zu veranlassen. 
Schmauche er daher nur ferner seine Pfeife mit 
Wohlbehagen fort, und tröste er sich mit dem 
Gedanken, daß es ihm gut bekommt, die nöthige 
Absonderung befördere, der Rauch ihm bestimmt, 
wo der Wind herkommt; auch daß solches wohl 
nicht so ungesund seyn könne, indem es alte Leute 
genug giebt, welche stark rauchen und dergleichen. 
Indessen aber wird es immer wahr bleiben, daß 
das Tabaksrauchen zu einer der Gesundheit nach- 
theiligen Gewohnheit gehört. Sorge er übrigens 
nur dafür, daß sein Heinrich die Tabakspfeife l 
wieder ablegt, da es noch Zeit ist, und ich hoffe 1 
doch, daß er so viel Gewalt über seine Kinder 
haben wird, besonders in Sachen, die zu ihrem 
Besten dienen. 
B. Das hat nichts zu bedeuten! Was ich haben 
will, müssen sie thun, ohne zu foagen, ob eS gut 
oder böse für sie ist, und was er mir anrathet, 
habe ich noch immer befolgt, weil ich Zutrauen l 
zu ihm habe. 
F. Das ist wahr und immer auch wird es mich 
freuen, wenn er glaubt, daß ich es gut mit ihm 
meine. Durch das Tabaksrauchen haben sich 
schon gar manche junge Leute verdorben, und 
wenn wir alle die Schlachtopfer vor uns sahen, 
welche dadurch früher dem Grabe zugeführt wor 
den sind, so würden wir darüber erstaunen und 
gewiß mancher dann seine Tabakspfeife von sich 
sch'eudern Weis er denn auch, daß der Tabak 
eine Giftpflanze ist? 
B. Nein, das weis ich nicht, kann es auch 
nicht wohl glauben. 
F. Wer nur einigermaßen Kenntnisse in der 
Kräuterkunde hat, wird an dem Geruch und Ge 
schmack, noch mehr aber an der Wirkung, dieses 
wahrnebmen, daß solcher zu den Giftpflanzen und 
in die Klasse der Arzneimittel gehört. So ist 
auch solcher wirk ich, besonders zum äußerlichen 
Gebrauch, ein kräftiges Arzneimittel, und es 
ist ihm ja wohl genug bekannt, wie die Schäfer 
denselben in unserer Gegend, bei räutigen Scha 
fen, gar nicht entbehren können. 
B. O ja, das weis ich, aber — 
F. Aber nicht wahr, das will er fragen, wie 
es wohl gekommen seyn muß, da weder Geruch 
noch Gescbmack, besonders zu Anfang, von dem 
Tabak angenehm ist, daß das Rauchen bei uns 
Deutschen so sehr eingerissen ist. 
V. Das möchte ich wohl wissen. 
F. Gerade das ist es, was auch schon oft 
meine Neugierde gereizt hat. Fremde Völker 
konnten wohl, durch den Rauch eine Insekten- . 
plage von sich abzuhalten, andere auch wohl durch 
sonstige Beschwerden, so wie durch ScorbUt zum 
Kauen veranlaßt worden seyn. Früher wurde 
auch wohl, aber doch nur in einzelnen Fällen, 
bei Heilung der venerischen Krankheiten, das 
Rauchen zur Beförderung der Salvation, von 
Aerzten angeordnet, aber zu jener Zeit waren 
diese Krankheiten doch selten; auch scheint das 
Rauchen älter, als diese Krankheit zu seyn, 
und jetzt weis man solche auch ohne Speichelfluß
	        

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